„Wunder“ – Roman und Spielfilm als Thema im 6. Jahrgang

Shahed Al Mohammed schreibt an Autorin Raquel J. Palacio

„Die Wirklichkeit sieht leider oft anders aus“, schreibt Shahed Al Mohammed. Nicht so wundervoll wie in dem Roman „Wunder“ von Raquel J. Palacio. Shahed hat das Werk im Deutschunterricht kennen gelernt. Nach der Lektüre hat sich die Klasse 6.4 von Gesine Vespermann den Spielfilm angesehen. Für Shahed war das Grund genug, an die Autorin zu schreiben.

„August ist ein wunderbarer Junge, der trotz seines entstellten Aussehens mit Witz und Intelligenz und Freundlichkeit Freunde gewinnt“, heißt es in dem Brief. Wer das Werk nicht kennt, wird womöglich überlegen, was entstelltes Aussehen bedeuten mag. Es ist schwer zu beschreiben. Im Kino oder vor dem Fernseher taucht automatisch die Frage auf, ob „Auggie“ echt ist oder geschminkt. Jacob Tremblay, der Schauspieler, sieht auf Fotos so aus wie viele Kinderstars: strahlend, sympathisch, klug, lebensfroh und ein bisschen verschmitzt. August sieht aufgrund einer Erbkrankheit so aus, dass zunächst vom Besuch einer „normalen“ Schule abgesehen wird. Seine Mutter kümmert sich. Das kann auf die Dauer kaum gutgehen, auch für die Mutter. Und damit geht’s los: August kommt zur Schule. Und da erlebt er nicht nur Freundlichkeit. Da wird er sogar gemobbt. Zum Beispiel von Julian. Ein ziemlich mieser Typ. Aber der hat auch seine Geschichte. Dazu schreibt Shahed: „Über ihn und seine Probleme hätte ich gerne etwas erfahren.“

Früher wurde im 6. Jahrgang oft „Damals war es Friedrich“ gelesen. Die Geschichte eines jüdischen Kindes, das auch Ausgrenzung erlebt. Bis hin zum Schulausschluss. Das Deutschland im Jahre 1938 kannte schreckliche Formen seelischer und physischer Gewalt. Viele machten sich schuldig. Von Schulleitern wie in „Wunder“ hat man nicht gehört. Aber es mag sie gegeben haben. Dann haben sie viel riskiert. Denn Menschlichkeit kommt in unmenschlichen Verhältnissen nicht gut an.

Shahed deutet an, dass ihr Interesse und ihr Mitgefühl auch damit zu tun haben, dass sie selbst vor ein paar Jahren mit ihrer Familie aus Syrien geflohen ist. „Ich bin irgendwie noch ein bisschen fremd“, schreibt sie. Zum Glück gibt es wunderbar viele Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken, jeden Tag. „Wunder“ sensibilisiert dafür, auch Lehrkräfte. Das ist ein Anfang. Shahed hat ihr Leitwort gefunden: „Wähle die Freundlichkeit!“ Wenn das Schule macht…

Volkmar Heuer-Strathmann