Stürmischer Applaus für „Paulette“ und das spielbegeisterte Ensemble

Nach der Aufführung gibt es auch einige kritische Bemerkungen

Paulette ist in einer prekären Situation. Das Geld der Pariser Witwe reicht nicht zum Leben, von der Tochter ist nichts zu erwarten und mit den ebenfalls schon recht betagten Freundinnen (Leonie Niemann und Leyla Biskup) redet sie nicht über ihre Nöte. Katrin Knickrehm gelingt es in wenigen Minuten, die wortgewandte Alte dem Publikum durch eine schauspielerische Glanzleistung nahezubringen, ungeachtet all der rassistischen Sprüche. „Buschmann“ nennt sie den kleinen dunkelhäutigen Enkel Leo (Lasse Käber), mit dem Tochter Agnes (Luise Mittrach) und der farbige Schwiegersohn Ousmane alias Osama (Roni Cheikhi) sie beschenkt haben, auch zur gelegentlichen Beaufsichtigung.

Was bleibt Paulette? Demonstrieren gehen mit anderen Strickwesten? Sich organisieren als stimmgewaltiges Altenteil der Gesellschaft? Nein: Mit Drogen dealen will sie, sich aufs dubiose Milieu einlassen, mitmischen, auch bei den illegalen Substanzen, und schnell und einfach Geld machen wie andere in diesem Sündenpfuhl an der Seine. Die Tabuüberschreitung einer Betagten dürfte einer der Gründe sein für den großen Erfolg des gleichnamigen Spielfilms. Ob "Honig im Kopf" oder Hasch im Hirn, das läuft. Bertolt Brechts "Unwürdige Greisin" blieb dagegen noch recht gemäßigt und selbstredend politisch korrekt vor gefühlt paar hundert Jahren. Hier aber herrscht ein rauer menschenverachtender Ton, wenn Typen wie Louis Postulart als Dealer Vito und Luca Keller als Dämel Idriss auftreten, schauspielerisch beeindruckend ohne Zweifel. Svetlana (Lucy Beyer) könnte ein Lied davon singen als Geliebte des lieblosen, protzigen Machos, wenn sie herausfände aus ihrer engen Nummer und ein Wort sagte: "Nein!" Im Hintergrund jedoch zieht Taras (Melih Ucar) die Fäden, ein finsterer Typ, der Leute wie Rachid (Davide Giannavola) das Gröbste erledigen lässt und grinst ob des einträglichen Marionettenspiels.

Eine Wende, keine echte Wandlung bringt die Hinwendung der inzwischen mit Paulette paktierenden Kriminellen zu den Kindern, die endgültige Enthemmung: An Grundschulen soll mit den Haschischkeksen gehandelt werden. Da spielt Paulette nicht mehr mit, ohne allerdings zum gottgefälligen Menschen im Sinne von Pater Baptiste (Daniel Neufeld) zu werden. So etwas dauert, selbst im Alter. Mit Leos Entführung nimmt die Dramatik auf der Bühne ihren Lauf, das Stück wird zum groß ausgespielten Spektakel, an dem sich Jörg Meiers Ensemble aus dem 11. Jahrgang mit großer Spielfreude beteiligt, auch der herzkrank verliebte alte Mann am Stock (Cedric Struckmann).

Heftiger Applaus brandete auf im sehr gut besuchten Forum, man feiert „Abi 2021“ lautstark und honoriert manche Ausnahmeleistung durch Jubel und Zuruf, aber in der Pause und nach der Veranstaltung gab es auch kritische Stimmen, etwa aus der Elternschaft, was die derbe Sprache einiger Figuren anbelangt, Momente der Diskriminierung und die Behandlung der Drogenthematik. Es darf diskutiert werden am Adolfinum, auch über Altersempfehlungen auf Plakaten nach Art der Spielfilmwelt (FSK 12?) und einen warnenden Hinweis allüberall: "Satire satt!"

Volkmar Heuer-Strathmann