„Top Dogs“ – ein schrilles Lehrstück in Sachen Globalisierung

Enttäuschende Resonanz auf ein lohnendes Theaterangebot

Karl Marx sprach von „Charaktermasken“, um die Selbstentfremdung zu kennzeichnen, insbesondere auf Chefetagen. Der Kapitalismus lasse keinen Raum für Menschlichkeit, Offenheit, Wahrhaftigkeit, das Räderwerk funktioniere anders. Urs Widmer hat mit „Top Dogs“ 1997 ein Stück daraus gemacht. Es zeigt Spitzenmanager in Krisen, die nicht ausbleiben können, wenn es ihnen selbst ans Fell geht auf dem Weltmarkt mit seinen Härten und Abgründen.

Für Nicolai Schein eine wahre Paraderolle: Er mimt einen der Manager, als hätte er tatsächlich den Schock einer Entlassung bereits erlebt, nach Jahren eigener aktiver Personaleinsparung, „Freisetzung“ genannt. Er weint, er schreit, er zaudert, er tobt, er wird handgreiflich. Ein Blick auf die zur Wiedereingliederung Versammelten zeigt: Es kriselt überall in den Ehen, Selbstzweifel machen sich breit, hohle Phrasen werden durchschaut, schnelle Autos stehen sinnlos in Garagen herum, Vorzeigekinder werden zur Last, überall Frust statt Lust und schon deshalb reichlich zu lachen.

Michelle Wallaschek, Pauline Meier, Lin Peresin, Jana Schulze, Michelle Fehse, Regina Bichner und Megan Kemball blieb es überlassen, sich gerade in nach wie vor typischen Männerrollen zu bewähren, als Blender oder Bekenner, als Aufschneider oder Absteiger. Sie setzten allesamt Zeichen am Vorabend des Weltfrauentags. „Aus die Maus!“, wurde zum Motto, zur weiblichen Unabhängigkeitserklärung.

Aber es wurde auch geträumt an diesem Abend, leider ganz ungekürzt: von Mitmenschlichkeit, von Friedfertigkeit und einem halbwegs gerechten Ein- und Auskommen unter bald acht Milliarden Menschen. Sarkasmus und Zynismus gingen den Akteuren dabei deutlich leichter über die Lippen als Sanftmut und Besonnenheit. Ein jovialer Blick, ein wenig Kokettieren, mal so ein Mannsbild bis auf die Knochen blamieren, das läuft wie geschmiert. Parolen brüllen in der „Schlacht der Wörter“, das weckte vorab Kräfte bei allen, Marktkräfte. Die „unsichtbare Hand“ ist bei Widmer längst zur Faust geworden, zur apokalyptischen Kraft. Dafür greift man schon mal zur Bibel und predigt vom anstehenden Untergang, verdammt fatalistisch, nebenbei gesagt.

Mit einer Szene nach Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ hatten Eduard Voos und Marek Rösener die vergebliche Sinnsuche eröffnet – eine originelle Idee von Spielleiterin Gisela Tischler. Wie ernüchternd aber, dass nur wenige Gäste den Weg ins Adolfinum gefunden hatten, um dieses Ensemble zu erleben, das Unterhaltsamkeit und Ernsthaftigkeit geschickt auszubalancieren wusste und gegen das Gefühl der Leere beherzt und voller Wucht anspielte.                                  

Volkmar Heuer-Strathmann