Jahrgang 11 des Adolfinum zu Besuch im Staatstheater Braunschweig

„Nathan der Weise“ – recht textgetreu und doch verfremdet dargeboten

Nichts verweist auf Jerusalem. Nichts lässt an die Zeit  der Kreuzzüge denken. Ein machtvoll wirkendes dreiteiliges Treppenstufengefüge wie aus Beton ist zu sehen. Die Schauspieler stehen vor einer Mauer. Sie tragen leichte weiße Einheitskleidung. Farbige Bänder werden angelegt. Man kennt das aus dem Sportunterricht. So entstehen Mannschaften, Formationen. Was mag hier gespielt werden im Staatstheater zu Braunschweig?

Richtig. „Nathan der Weise“, das dramatische Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing. Man hat ein wenig gekürzt, man hat ein wenig gewürzt. Die Inszenierung von Regisseur Martin Nimz bleibt aber dem Original stark verpflichtet. Mächtig, bildmächtig greift  man in die Archive der Filmdokumentation, etwa wenn auf die Grundmauer Szenen aus dem Sechs-Tage-Krieg projiziert werden, begleitet von massivsten Kriegsgeräuschen, auch von Schreien. Die Bühnenfiguren wirken jeweils wie erstarrt. Lessings Lesestoff im Kontext des Grauens, der Sprachlosigkeit, des Ausgeliefertseins. Überall Krieg, überall Leid und Tod - Moslems und Juden, Christen und Moslems, Juden und Christen. Ein Großteil der Menschheit. Die übrigen Farben der Bänder, die auf dem Fußboden liegen, reichten bis Myanmar, bis nach Tibet, Buddhisten als Täter, Buddhisten als Opfer, von Afrikas Religionsreichtum gar nicht erst zu reden. Die Tötungsarten sind unterschiedlich, das täterlose Passiv aber hat in Deutschland einen besonders schrecklichen Klang, auch ohne Hitler-Imitation: „Der Jude wird verbrannt!“      

Die Handlung nimmt ihren Lauf. Als kurz vor 22 Uhr das letzte Lessing-Wort gesagt ist, streifen die Akteure ihre Rollen ab. Die Bänder werden weggeworfen. Das Licht geht an im Saal. Eine Panne?  Ein Wachmacher für die Dämmernden? Nein. Das Ensemble richtet sich direkt an das Publikum. „Du da hinten, ja du!“ Jeder Schauspieler, nun ganz und nur noch Mensch im Sinne der Utopie Lessings, glaubt irgendwo im Saal jemanden wiederzuerkennen, ja, einen Menschen, mit dem man verwandt ist, versippt, und der wiederum und die da drüben... Facebook lässt grüßen.  Überall Heiterkeit, Ausgelassenheit, vom Erbstreit kein Wort, von Geschwisterneid keine Rede. Was war geschehen? „Nathan der Weise“ war gespielt worden, bis zum Ausklang, bis zur Auflösung aller Verwicklungen. Man ist verwandt. Die Grenzen der Religionen scheinen überwunden. Andernorts wird an der Stelle dann schon mal „Alle Menschen werden Brüder“ gesungen, jene Utopie  aus der Feder von Schiller und Beethoven. Auch schön. Etwas zum Einstimmen. Zum Besserfühlen.

Nach farbigen Bändern wird nun nicht mehr unterschieden. Was sind schon Farben? Was sind schon Zeichen? Gut, an der Garderobe gelten immer noch die Marken. Die Lehrkräfte werden auch nicht geduzt. Oder doch? Hinter vorgehaltener Hand? In den Gesichtern ist etwas Leichtes, etwas Lichtes. Kürzer als gedacht der Abend im Theater, das ist vermutlich auch wichtig. Das Wochenende beginnt erst. „Verständlich gemacht“, heißt es aus Schülermunde. „Viel Krach!“, kann sich auf vielerlei beziehen. „Paarmal wurde sogar gelacht!“ Und das bei Lessing, dem Aufklärer. „Gut rübergebracht“, meint jemand. Wie genau, was genau, wer genau und wozu das Ganze – das wollen wir gerne den fünf 11. Klassen überlassen, bereichert durch ein Wort von Hölderlin: „Ein Weiser mag mir manches erhellen. Wo aber ein Gott auch erscheint, da ist doch andere Klarheit.“   

Volkmar Heuer-Strathmann