Große Gedenkveranstaltung im Adolfinum zum Tag der Menschenrechte

Eine Kooperation mit Amnesty International im Geiste der Menschlichkeit

Siebzig Jahre Menschenrechte – ein Grund zum Feiern? Eher ein Anlass zur Besinnung. „Wie steht es heute um die Verwirklichung der Menschenrechte?“, fragt Bürgermeister Reiner Brombach in einem Grußwort der Stadt. Der 16-jährige Syrer Karim Asfari erzählt im Forum des Adolfinum von der Flucht der Familie im Jahr 2015. Mit Krieg und Bürgerkrieg wuchsen die Gefahren, tagtäglich, unerträglich. Die Odyssee endete schließlich in Bückeburg. In der Schreibwerkstatt von Gabriele Hundrieser hat Karim unspektakulär seine Wünsche zu Papier gebracht, er liest vor und spricht sicher für viele der Betroffenen: „Wir möchten nur so leben wie andere Kinder – unbeschwert.“ Da wird es recht still im Raum, fast überall.

Die Menschenrechte sind eindeutig, was Leben anbelangt, insbesondere im Hinblick auf Kinder: „Alle Kinder genießen den gleichen Schutz.“ Die Wirklichkeit sieht in vielen Teilen der Welt ganz anders aus. Das machte Hans-Dieter Lichtner von Amnesty International als Gastreferent deutlich. Gemeinsam mit Schülern von Carolin Wille und Ulrich Reuter hatte er die Veranstaltung aus Anlass der 70. Wiederkehr der „Erklärung der Menschenrechte“ als Willensbekundung der Vereinten Nationen vorbereitet. Drastische Fälle wurden vorgestellt. Aber die Banalität der Böswilligkeit wurde auch sichtbar. An die versammelten Schüler aus den Jahrgängen 10 und 11 appellierte Lichtner, hinzusehen, wenn Unrecht geschieht, und sich einzumischen. Demokratie und Menschenrechte bedürften der Wachsamkeit, beide könnten verspielt werden oder zerstört, allerdings auch missbraucht.

Zeichnungen, Plakate, Collagen und Skulpturen aus dem Fachbereich Kunst zeigten eindringlich, was Misshandlung, Folter und Elend bedeuten kann. „Kunst ist immer politisch“, erläuterte Kunstlehrer Peter Maniocha sein Verständnis. Mitglieder der Schreibwerkstatt griffen einzelne Artikel der Charta auf und sprachen miteinander, als seien die formelhaften Texte „Menschen“ wie sie, nur etwas älter. Die Frage nach dem Befinden wird durchweg negativ beantwortet. Schülerinnen aus einem Leistungskurs Deutsch von Jörg Meier griffen den Pflichtstoff „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck auf. Der Fall eines Flüchtlings aus Afrika, dessen Kinder in seiner Nähe ertrinken, wirkt verstörend. Über die zu konstatierende Festungspolitik der EU dürfte nicht nur im Fach Politik-Wirtschaft gesprochen werden.     

An die großen Visionen der Freiheitsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts knüpfte der Chor von Tobias Kästner an. „Die Gedanken sind frei!“, erklang wie ein trotziges Vermächtnis. Schulleiter Michael Pavel sprach sicherlich für viele, als er seine Betroffenheit äußerte. Fast hätte man angesichts der Worte von Karim Asfari vergessen, dass er und andere „Willkommensschüler“ fundamentale Deutschkenntnisse erst hier am Adolfinum erworben haben.

Volkmar Heuer-Strathmann