Karen Duve liest im Palais  aus „Fräulein Nettes kurzer Sommer“

Ein Roman, der sicher bald Pflichtlektüre im Abiturfach Deutsch wird

Ein paar Stühle wurden noch schnell herbeigeschafft, so groß war das Interesse an der Lesung der Schriftstellerin Karen Duve aus ihrem neuen Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“. Das Kulturjournal des NDR hatte gemeinsam mit der Kultur Bückeburg ins Palais eingeladen. Jüngere Gäste aber suchte man vergeblich. Dabei hat der Stoff alles, um in ein paar Jahren Pflichtlektüre im Abitur im Fach Deutsch zu werden. Also Abibox, aufgepasst!

Erzählt wird ein Ausschnitt aus der Lebensgeschichte der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff. Mit Briefen, Tagebüchern, Gedichten und auch etwas weniger persönlichen Dokumenten ausgestattet, hat sich die Autorin ans Werk gemacht und eine ganz andere Erzählweise entwickelt als ehedem, oft malerisch ausmalend, selten elliptisch oder lakonisch, gern sanft, empathisch oder unverkrampft ironisch. Die Figuren prägen den Stil, nicht nur in ihren Gesprächen. Der Zeitgeist sitzt auch am Tisch. Ohne zur Romantikerin der Literaturschubfächer zu werden, erzählt Duve von den Gebrüdern Grimm, von Heine und einem gewissen Heinrich Straube, der das Zeug oder bloß die Einbildungskraft gehabt haben soll, ein zweiter Goethe zu werden. Wie das adelige Fräulein Droste-Hülshoff und der bürgerliche Straube ein wenig intimer werden, aber nicht etwa intim, liest Duve im Palais als Eröffnung. Man schmunzelt. Männer werden in die Seite gekniffen oder geboxt. Für Tränen ist es zu früh.

Gespräche mit der überaus geschickt agierenden Moderatorin Julia Westlake (NDR) bieten die Möglichkeit, beim Gang durch das beginnende 19. Jahrhundert kurz oder auch mal etwas länger innezuhalten wie an einer Tränke. Sachfragen werden auf heitere Weise geklärt, seien es die Tücken einer Kutschfahrt oder die historisch-politischen Hintergründe eines sonderlich wirkenden Attentats. Karen Duve hat ein besonderes Verhältnis zu ihren Figuren. Sie nimmt sie ernst, aber sie belächelt sie auch immer wieder, Männer wie die beiden Märchensammler mehr, den „letzten Romantiker“ Heine eher etwas weniger.

Der arme Held Straube übrigens, der tut Karen Duve am Ende leid als Mannsbild seiner Zeit mit reichlich Misserfolg und lachhaft großer Eitelkeit. Und Nette, die unglücklich Verliebte? Die zwischen zwei Herren geratene Jungfer? Die macht ihrem Kosenamen nicht etwa Ehre, sie eckt an, sie ist schwierig, ein wenig sonderlich, man macht es ihr schwer, das Schreiben aber fällt ihr leicht. Ob mehr aus Freud oder Leid, das lässt Duve offen. Der Erfolg sollte sich erst später einstellen, ganz anders als bei der Hamburger Autorin des wunderbaren Romans "Dies ist kein Liebeslied" (2002). Glück gesellt sich hinzu, Jahrzehnte später. Also das, was Liebe zu jener Zeit sein mochte für eine Frau dieser Art aus diesem gutbiederen Hause. Die Fortsetzung ist angekündigt, die vielen Zettel kleben noch an der Wand, schon wegen der Verästelungen der Stammbäume mit ihrem Blattwerk und all den beachtenswerten Knospen, Schädlingen und Blüten.

Ein lange anhaltender, herzlich wirkender Applaus war der Dank des Publikums, in dem das weibliche Geschlecht deutlich mehr Raum einnahm als das männliche, und viele Gäste nahmen die Gelegenheit gleich wahr, das Werk zu erwerben und signieren zu lassen. In jungen Händen ist es sicherlich auch nicht fehlplatziert, etwa als Geschenk zum Fest. Schließlich geht es auch um nationale Identität im zersplitterten Deutschland, um das Ausbrechen aus Konventionen, um Studentenleben in Göttingen, um den Mut zu ein ganz bisschen Moderne und um so etwas Altmodisches wie Sprachstil. Im "Literarischen Quartett", der inzwischen vemutlichen völlig jugend-freien ZDF-Sendung, ging man kürzlich sogar soweit, allen Ernstes vorzuschlagen, Deutschlehrkräfte möchten doch lieber das Werk der Duve behandeln, statt die Zöglinge mit der beschwerlichen Pflichtlektüre "Die Judenbuche" gegen die interessante Frau aus dem tristen Westfälischen aufzubringen. 

Volkmar Heuer-Strathmann