Historiker Gideon Greif informiert über Antisemitismus

Wenn der Alltag allmählich zur Hölle wird

„Für jedes Alter zu empfehlen!“ „Schon vor dem 9. Jahrgang!“ „Genau richtig!“ Ein Anlass, drei Meinungen, alle drei aus der Klasse 11.4. Der Historiker Gideon Greif hatte im Forum des Adolfinum vor den Jahrgängen 10 und 11 einen Vortrag über den Antisemitismus in Deutschland von 1933 bis 1945 gehalten.   

Fotos machten deutlich, wie die Nationalsozialisten vorgingen, von der Bücherverbrennung über den Ausschluss aus bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens und den Boykottaufrufen bis hin zur Deportation in die Konzentrationslager. Demütigung war Prinzip, möglichst vor Publikum. An den Schulen herrschte ebenfalls der braune Ungeist, Lehrer ließen sich einspannen oder machten hellauf begeistert mit. Die Fotos sprechen eine deutliche Sprache.

Die Schüler beeindruckte besonders, dass Greif als Betroffener berichtet. Auch Menschen aus seiner Familie gehörten zu den Opfern. Von Adolfinern auf Formen des Antisemitismus in der heutigen Zeit und die richtige Reaktion angesprochen, betont Greif, dass es zur Zivilcourage keine Alternative gibt, zum Hinsehen, zur tatkräftigen Hilfe, zur Gegenwehr.  

Die Frage, warum gerade die Juden Opfer wurden, und zwar nicht  erst 1933, hält Greif für zweitrangig. Vorurteil und Ressentiment suchten sich einen Resonanzraum, eine sachliche Grundlage, ein Fehlverhalten, einen eindeutigen Auslöser gebe es nicht. Da stellte nicht alle Zuhörer zufrieden. Man möchte mehr wissen, zumindest einige.

Im Jahrgang 11 besteht reichlich Gelegenheit, sich mit Toleranz und Intoleranz zu beschäftigen. Lessings „Nathan“ wird gelesen. Ein Theaterbesuch in Braunschweig steht ebenfalls auf dem Programm. Zur Diskussion ist genug Anlass, ob über das Vorbild Nathan und seine einfache, aber so schwer zu lebende Botschaft der Menschlichkeit oder über die Hassprediger der NS-Zeit und der Gegenwart: „Ein Thema, das an deutschen Schulen fast schon zu oft besprochen wird, aber man kann die damaligen Gräuel nicht in Worte fassen.“

Volkmar Heuer-Strathmann