Seminarfachkurs „Partizipation“ zu Gast in Brüssel

Studienfahrt in die heimliche Hauptstadt der EU

Von Joshua Großkelwing 

Sonntag 7:30 Uhr. Treffen am Bahnhof in Bückeburg. Die einen mehr, die anderen weniger erwartungsvoll. In Minden wurde sich noch mit den Römern unterhalten und ein letztes Mal verabschiedet. Mit gepackten Koffern und müden Gesichtern begaben wir uns auf den Weg nach Köln. Im Angesicht des Kölner Doms, der sich direkt am Bahnhof befindet, konnten wir unseren letzten Reiseabschnitt beginnen. Im Norden vom Brüsseler Zentrum lag unser Hotel, das „Sleep Well“. Im „Fritzland“ konnte sich unser Gaumen auf das folgende typische belgische Essen einstellen. Die Vielfalt dieses überaus kulturell-kulinarischen Landes wurde allein schon durch die große Auswahl an Soßen deutlich. Später hieß es nur noch: belgische Pommes, belgische Waffeln und belgisches Bier. Nach individueller Stadterkundungstour - wir durften uns in Kleingruppen bewegen - gab es abends noch ein nettes gemeinsames Beisammensein mit Billard und Gitarre spielen.

Montag. 8:00 Uhr Frühstück im Hotel. Treffen zur Stadtführung. Das akademische Viertel wurde mehr als ausgereizt. Zum Glück hatte Monsieur Riemer zusammen mit Madam Bucher immer einen großen Puffer von 45 Minuten bis 1 Stunde mit eingerechnet. Die Führung, geleitet durch einen Belgier, startete am Grand Place und brachte uns vom Rathaus zu Karl Marx, Manneken Pis, belgischen Waffeln und Tim und Struppi. Die 3-stündige Besichtigung der Stadt Brüssel war nicht nur sehr informativ und spannend, sondern man hat auch einiges gelernt. Neben der NATO und der EU gibt es in Brüssel einen Ausländer-Anteil von 62% und „Alles Gute kommt aus Belgien“. Nimmt man sich eine 2 EURO Münze und schaut unter das O, entdeckt man ein „LL“ darunter, dies steht für Luc Luycx, den belgischen Designer dieser Münze. Aber was wäre Brüssel ohne seine 165-milliardenfache Vergrößerung des kubisch-raumzentrierten Kristallmodells des Ferrits bzw. α-Eisens? Das Atomium wurde für die Expo 1958 gebaut, der ersten nach dem 2. Weltkrieg. Es sollte unser nächstes Ziel werden, doch ging uns jemand in der U-Bahn verloren. „Einer ist doch eine gute Quote“ oder „den Letzten beißen die Hunde“ wurden zu Schlagsätzen. Nach einer Station hatten wir ihn wieder und konnten das Atomium mit seinen 102 Metern in vollsten Zügen genießen. Abschließend traf sich die Gruppe zu einem gemeinsamen Abendessen im La Grand Cafe.

Dienstag. Wieder 8.00 Uhr. „Gruppe Bückeburg mir nach!“ Unter diesem Motto ging es in das europäische Regierungsviertel von Brüssel. Der heutige Tag war Politik-Tag und dies bedeutete lange Diskussionen, Auseinandersetzung mit wichtigen aktuellen Themen und viele Sicherheitskontrollen. Nachdem irgendwer, der sich mit seinen Inlinern verfahren hatte, wieder da war, konnten wir in unsere erste europäische Institution: die Europäische Kommission. Themen wie Migration, Brexit, Armut, Zentralisierung und Föderalismus bestimmten unsere Debatten und Fragen an die Kommission. Wie können wir mehr Solidarität innerhalb Europas schaffen? Viele dieser Fragen blieben offen, dennoch kam man einer Antwort ein wenig näher. Von der Exekutive ging es zur Legislative. Im Europäischen Parlament wurden wir von einem Sekretär und einem Praktikanten von Frau Quisthoudt-Rowohl MdEP begrüßt, die uns durch mehrere Gebäude führten und uns auch den Sitzungssaal zeigten. Dort werden alle Reden in 23 verschiedene Sprachen übersetzt. Quisthoudt-Rowohl hatte leider nur noch wenig Zeit für uns übrig, sodass wir nur eine geringe Anzahl an Fragen stellen konnten. Die 71-jährige Abgeordnete wuchs nur 400 Meter vom jetzigen EU-Parlament entfernt in Brüssel auf. Nun besitzt sie die deutsche Staatsbürgerschaft und ist für Deutschland im Parlament. Als äußere Betrachterin meinte sie, wir Deutschen seien immer sehr darum bekümmert, was andere von uns denken. Am Ende wurde der 71-jährigen CDU-Abgeordneten eine provokante Frage nach der Homo-Ehe gestellt. Sie sprach sich dagegen aus, blieb aber trotzdem weiterhin sehr sympathisch. Nach weiteren 1,5 Stunden im Parlamentarium konnten wir den wohlverdienten Feierabend genießen.

Mittwoch. Endlich ausschlafen. Trotz Frühstück um etwa 9 Uhr wurde der Tag entspannt begonnen. Auf freiwilliger Basis wurde der Besuch des Comicmuseums, des Mini Europa-Miniaturenparkes und des Hauses der europäischen Geschichte angeboten. Ganz gleich wofür man sich entschied, es machte Spaß und war kulturell-historisch wertvoll. Der Pflichttermin um 14:30 Uhr in der Landesvertretung von Niedersachsen wurde eher mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Frei-Getränke und Stühle führten dennoch zu einem entspannten Arbeitsklima. Die abstrakten Erläuterungen höchst komplexer europa-politischer Themen wurden von unserer Referentin am Ende durch Möglichkeiten von Jugendlichen, sich an Politik und Gesellschaft zu beteiligen, passend zu unserem Seminarfachthema zusätzlich ergänzt. Ob Interrail oder Erasmus-Projekte, es wurde immer interessanter. Zum Tagesabschluss bot sich uns eine besondere Spezialität, die es so nur in Brüssel gibt. Das „Delirium“ hat über 3000 verschiedene Biere und 500 verschiedene Wodka-Sorten im Angebot. „But you will never be able to try them all!”

Donnerstag. Aufbruch in eine neue Welt ab 8 Uhr. Im flämischen Teil Belgiens, nämlich der Stadt Antwerpen, gab es die Möglichkeit, weitere Kultur für sich zu erschließen. Der Bahnhof ließ Münder offenstehen und dies nicht nur aufgrund der kostenlosen Getränke, die dort verschenkt wurden. Über Chinatown ging es zum Brabobrunnen. Der Römer Silvius Brabo schlug der Sage nach dem Riesen Druon Antigoon, welcher den Überquerenden der Brücke die Hand abschlug, ebenfalls die Hand ab. Dies führte zum Namen Antwerpen vom niederländischen handwerpen zu Deutsch „Hand werfen“. Auf der anderen Seite des Flusses wurde ausgiebig gepicknickt. Zurück auf die andere Seite des Flusses ging es kostenlos mit dem Schiff. Zum Abschluss unserer Brüssel-Fahrt trafen wir im Delirium Spanierinnen aus Malaga. Wir führten interkulturelle Gespräche und stärkten nicht nur das deutsch-belgische sowie das deutsch-spanische, sondern auch das deutsch-europäische Verhältnis.