Ein Standbild der besonderen Art als Unterrichtsergebnis

Wenn gewisse Worte allzu wörtlich genommen werden…

Die Statik scheint zu stimmen. Selbst kleine Erschütterungen werden gewissermaßen ausgeglichen. Mark Wenthe wägt gewiss ab: "Soll ich den Zusammenbruch riskieren? Oder sollte ich mich zufriedengeben mit dem, was ich in dieser Vertretungsstunde im Fach Religion bereits erreicht habe?"

Vor dem Schüler der Klasse 10.5 liegt ein Papier mit allerlei Anmerkungen zum Thema „Gewissen“. Einige haben Definitionscharakter. „Das Gewissen ist ein innerer Gerichtshof“, hat Mark bereits notiert. Nun sollte ein Standbild zu einer der Definitionen entstehen. Mark berät sich mit seinem Nachbarn. Es liegt also ein Fall von Gruppenarbeit vor, ganz wie verlangt.

„Ist das etwa kein Standbild?“, scheint der Baumeister fragen zu wollen, als die vertretende Lehrkraft neugierig naht. Stören lässt er sich auf jeden Fall nicht bei der Arbeit. Gewissenhaft geht er zu Werke. Der Turm zu Bückeburg harrt seiner Vollendung. Für ein Sinnbild vom aufrechten Gang fehlt die Beweglichkeit. Aber ein Standpunkt wird eingenommen. Guten Gewissens? Keine Ahnung. Stifte dienen dazu, ein Fundament zu schaffen: für die Schule nicht untypisch. Selbst eine Flasche findet ihre Funktion in diesem ganzheitlichen Projekt.

Am Ende hat das Standbild eine erstaunliche Höhe. Die Freude ist groß. Stolz steht das Denk-Mal da. Von Gewissensbissen wegen vertaner Zeit und verfehlter Beschäftigung  keine Spur. Der Zettel, auf dem auch Worte des philosophischen Zertrümmerers Friedrich Nietzsche zu finden sind, findet ebenfalls seinen Platz hoch oben auf dem Gebäude, als Kopf sozusagen Das beruhigt das Gewissen des Lehrerstellvertreters. Sein mahnendes Wort vom „Turmbau zu Babel“, jenem Standbild maßloser Anmaßung aus dem Alten Testament, kann die Freude nicht trüben.

Volkmar Heuer-Strathmann