„KZ-Häftling 41948“ zu Gast im Gymnasium Bad Nenndorf

Esther Bejarano und die Microphone Mafia vor vollem Haus

Sie ist Jahrgang 1924, also nicht mehr die Jüngste. Sie war schon immer recht klein, eher der unauffällige Typ, aber sie hat eine imposante Art aufzutreten. Ein zweistündiger Abend ohne Pause mit Lesung, Konzert, ein paar Anekdoten und deutlichen Hinweisen zur politischen Lage in der BRD, das ist für Ester Bejarano kein Problem.  

Den Akteuren des Bündnisses „Bad Nenndorf ist bunt“ war es gelungen, die Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau mit der Häftlings-Nummer 41948 und die an diesem Abend leicht reduzierte Band Microphone Mafia für einen Auftritt im Gymnasium zu gewinnen, gratis versteht sich. Rund 350 Gäste erlebten einen furiosen Abend, bei dem es nicht bei den stillen Tönen der eindringlichen Lesung über die Zeit im KZ blieb. Kämpferisch gab sich das Ensemble, bestärkt durch die  jüngsten Ereignisse in und um Chemnitz.

1945 hat die Musikerin aus dem legendären Mädchenorchester von Ausschwitz erlebt, wie ein Hitler-Bild als Zeichen der Befreiung verbrannt wurde. Ein Freudentag. 2018 sieht sie im Fernsehen, wie aus einer wildgewordenen Menge heraus in Chemnitz der Hitler-Gruß gezeigt wird, begleitet von hasserfüllten Parolen der Neonazis. „Und wieder wird geschwiegen“, sagt Mafiamann Kutlu Yurtseven mit Blick auf die bürgerliche Mitte. Dass es dabei nicht bleibt, das ist ein Anliegen der multireligiösen  Formation, die es vermag, Lieder aus dem KZ wie die heimliche Hymne „Sag nie, der geht den letzten Weg“ und locker hingelegten Hip Hop zu so verbinden, dass es nicht nach billigem Effekt aussieht. Manchmal kann sogar lauthals gelacht werden, trotz oder gerade wegen der ernsten Thematik.

Leider waren nur sehr wenige jüngere Menschen im voll besetzten Forum der Schule zu entdecken. Rap allein scheint nicht zu reichen, um am frühen Samstagabend in eine Bildungsanstalt zu locken. Umso mehr fielen die Schüler unter den vielen Graureihern auf, auch die paar Abiturienten vom Adolfinum. Das macht etwas Hoffnung – ganz abgesehen von Esther Bejarano, die nach zwei Stunden auf der Bühne in voller Präsenz immer noch wirkt, als könnte der Abend bis in die Nacht gehen. 120 Jahre waren ihr eingangs vom Veranstalter gewünscht worden. Was für Feierlichkeiten dürften da wohl im Jubiläumsjahre 2033 auf die Betagte warten, die von sich sagt, ihr Wirken sei eine Art späte Rache an den Verbrechen der Nazis? Der Schlager „Du hast Glück bei den Frauen“ gehört übrigens auch zum musikalischen Feldzug.        

Volkmar Heuer-Strathmann