„Nathan“ – eine Art deutsche Schadensbilanz aus Scham und Verzweiflung

Leistungskurs Deutsch sieht effektvolle Lessing-Adaption in Hannover

„Nathan der Weise“ sei der Pädagogen und Pastoren liebstes Stück, hieß es vor etwa einem Jahr im „Spiegel“, ein „Lehrstück vom großen Einverständnis“. Man plädierte dafür, den märchenhaften Stoff endlich und endgültig aus dem Literaturkanon zu streichen. Oliver Frljic scheint das Stück ähnlich kritisch zu sehen. Aber der kroatische Regisseur legt die Angelegenheit nicht zu den Akten, er macht seinen „Nathan“ daraus, wohlwissend, dass  man im Ballhof mit vielen Schülerinnen und Schülern rechnen muss, wenn etwas aus dem Abiturmenü 2019 im Fach Deutsch aufgetischt wird.

In der Ankündigung heißt es: „Das Stück lässt sich heute nicht lesen ohne die Erinnerung an den Holocaust.“ Und weiter: „Wie steht es mit der Mission der Aufklärung angesichts Xenophobie, Homophobie, Rassismus, Islamophobie und Antisemitismus?“ Schlecht. Schlechter denn je. Entsprechend eröffnen die Akteure den Abend, indem sie aus der Tiefe des Raumes über Sperriges tappen, das im Halbdunkel wie ein Trümmerfeld anmutet. Das offene Bühnenbild mit unzähligen Schuhen, Stiefeln und High Heels lässt natürlich sofort an die Vitrinen von Ausschwitz denken.   

Heiterkeit macht sich breit, als die Anwesenden gefragt werden, wer denn wirklich aus freiem Willen gekommen sie. Anscheinend wenige. Da ließe sich ein schöner Bogen spannen zum Ende des Abends: Man braucht "Freiwillige" für den Kampf der Religionen und Kulturen. Uniformen werden angelegt. Waffen werden verteilt. Man geht in Stellung, kurioserweise nicht gegeneinander, sondern wie hinter einem Wall verschanzt gegen das Publikum. Es kracht. Es blitzt. Man erschrickt. Ein Schuh wäre daraus geworden, wenn paar der direkt Angesprochenen nicht mitgespielt hätten, nicht aus Trägheit oder aus Liebe zu Lessings Versemacherei, sondern in Konsequenz des Abends. Aber soweit ist das offene Theater samt Publikum noch nicht in der Landeshauptstadt Hannover.

Zwischen Anfang und Ende geht es mit Gott, dem Heiligen Geist, Jesus, Mohammed und Maria um Rückschau und Gegenwartsbetrachtung. Deutschland rückt in den Mittelpunkt. Mit Heines „Wintermärchen“ wird der Sorge Ausdruck verliehen vor dräuendem Unheil von oben und derbem Unwesen. Monologe sind stilprägend für diese Inszenierung, oft lautstark ins Spiel gebracht und stets mit der Welt der ledernen Erinnerungsstücke an Menschen verwoben. Laut kracht es aus Lautsprechern. Theaterkrieg, zwischendurch besinnliche Musik. Manches war nicht nur aus Reizüberflutung schlichtweg nicht zu verstehen, rein akustisch. Anders das Geschrei als Chor, das Gebrüll, anders der aus Leid begründete Anwurf eines Gehetzten, ein Antiislamismus mache sich breit derzeit, der es im Wettbewerb der Unmenschlichkeit gut aufnehmen könnte mit dem alten und dem brandneuen Antisemitismus. Israels Politik gegenüber den Palästinensern wird kritisch beleuchtet, Heimat wird beansprucht aus allen Richtungen, rhetorische Leuchtraketen prangern selbsternannte Verteidiger des sogenannten „jüdisch-christlichen Abendlandes“ an, wie sie derzeit in Chemnitz ihr Unwesen treiben als Kampftrupp und Wegelagerer.     

Und  Lessing? Und Nathan? Und - oh Graus - das Abitur 2019? Der leidige Anforderungsbereich III, das Garaus? Keine Sorge. Ohne „Ringparabel“ geht auch dieser Abend nicht zu Ende. Mit großer Ernsthaftigkeit bieten Johanna Bantzer, Beatrice Frey, Hannah Müller, Dennis Pörtner und Andreas Schlager ihrem in den Bann gezogenen Publikum Lessings Lösung an. Abrupt geht das Spiel über in schallendes Gelächter, vorneweg die drei insgesamt stärker aufspielenden Frauen. Eigentlich traurig, dass es so wenige gute Gründe gibt, der finsteren Sicht zu widersprechen. Aber mitlachen? Oder losschreien? Das fiele aus dem Rahmen. Warten wir ab, ob es für die Zöglinge am Ende heißt: „Erörtern Sie die Aktualität der Botschaft Lessings, beziehen Sie dabei gegebenenfalls eine Inszenierung des Stoffes ein!“

Volkmar Heuer-Strathmann