Schulinterne Lehrerfortbildung: „Asperger – Leben in zwei Welten“

Fachvortrag im Adolfinum über die Arbeit mit autistischen Schülern

Die kleine Christine fällt auf. Das Kind lebt anscheinend in zwei Welten. In der Schule ist das oft belastend, manchmal sogar qual- und schmachvoll. Am schlimmsten sind die Pausen. Der Lärm, die vielen Kinder, die fehlende Ordnung. Und die Lehrkräfte wissen von nichts. Einige Jahre wird es noch dauern, bis eine ärztliche Diagnose alle Zweifel ausräumt, was es mit diesem Kind auf sich hat: Das Mädchen hat Asperger.

Heute ist Christine Preißmann Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie und erfolgreiche Fachbuchautorin. Sie hat einen Weg hinter sich, dessen Schilderung das Kollegium des Adolfinum in den Bann zieht. Maria Robben-Jones, Angela Bürger-Stockkamp und Ute Böning-Spohr haben den Kontakt zu der in Hessen lebenden „Expertin in eigener Sache“ hergestellt. Man möchte Informationen aus erster Hand und Ratschläge für den schulischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die an Autismus leiden. Dafür scheint es notwendig, die Welt zunächst einmal mit den Augen der Betroffenen zu sehen, insbesondere die Schulwelt mit ihren Hürden, Tücken und Spielräumen.

Viel wäre demnach schon gewonnen, wenn auffälliges Verhalten  nicht gleich sanktioniert würde. Der Grund für eine nicht erledigte Hausaufgabe kann darin liegen, dass die Textaufgabe in Mathematik nicht entwirrt werden konnte. Beispiele verdeutlichen, dass die Kommunikation ein zentrales Problem darstellt, auch wenn die Ursachen für autistische Störungen nach wie vor eher im Bereich der Gene gesehen werden. Worte werden von den Betroffenen wörtlich genommen, natürlich auch Sprichworte und Redensarten. Wer verunsichert ist bis ins Mark, kann aber „Fünfe nicht einfach gerade sein lassen“. Für Ironie ist keine Antenne vorhanden, schon gar nicht bei Lob und Tadel. Körperliche Nähe kann Schwierigkeiten bereiten, etwa bei Partner- oder Gruppenarbeit. Reizüberflutung droht von allen Seiten, Denkblockaden oder Panikattacken können die Folge sein. Manchmal hilft ein Symptom aus der Klemme, in ihrem Falle Knieschmerzen. Klassenfahrt? Kein Thema.

Im Rahmen einer intensiven Aussprache ging es um praktische Fragen des Schulalltags, von der Sitzordnung im Klassenraum über den heutigen Medieneinsatz bis zur Zimmerverteilung, falls tatsächlich eine Klassenfahrt ansteht. Elternarbeit will reflektiert sein: „Soll die Klassenelternschaft relativ früh informiert werden?“ Preißmann bejaht die Frage, schon wegen der womöglich gewährten Entlastung des beeinträchtigten Kindes. Besonders kreative Lehrkräfte müssen sich ein wenig zügeln, da Verfremdung und Inszenierung Ängste schüren können. Besondere Interessen des Schülers, manchmal aber auch die in den Medien gerne herausgestellten Inselbegabungen böten die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte. Ein authentisches positives Feedback in der Klasse oder im Kurs wäre ein Glück.

Preißmann, die Autisten schon in Selbsthilfegruppen begleitet oder vor Gericht betreut hat, hofft, dass die beruflichen Möglichkeiten besser werden. Von 800.000 Fällen geht die Statistik derzeit aus. Bislang schafft nur eine Minderheit den Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Schule kann erheblich zur Verbesserung beitragen durch fachliche und soziale Förderung und durch ein Klima der Akzeptanz. Derart ermahnt und motiviert hatten die versammelten Lehrkräfte gleichwohl auch immer wieder Gelegenheit zum Lachen. „Ich könnte in die Luft gehen!“, habe eine Kollegin in der Klinik geäußert. Da habe sie gefragt: „Wohin soll die Reise denn gehen?“

Volkmar Heuer-Strathmann