Studienfahrt nach Auschwitz als Teil der Lehrerausbildung

Wenn das Unfassbare die Gefühle und Gedanken prägt

„Am Ende kommen Touristen“ – so heißt ein Spielfilm über das Konzentrationslager Auschwitz, der auf eindringliche Weise beschreibt, wie schwer es ist, Oberflächlichkeit, Hektik und Geschäftsgebaren zu vermeiden, wenn die Menschen in Buskolonen angefahren und durchgeschleust werden wie in Bayern auf Schloss Neu-Schwanstein. Wer eine  Reise in die polnische Stadt Krakow anbietet, nimmt das deutsche KZ Auschwitz auch noch mit ins Programm. Da bietet eine Studienfahrt ganz andere Möglichkeiten, zumal wenn sie sich als Teil der Ausbildung bei Fachleiter Andreas Kraus auch an Referendare des Studienseminars Stadthagen richtet. 

Carolin Wille hat in diesem Sommer an einem solchen Projekt teilgenommen. Ihr Bericht offenbart, wie schwer es ist, die Eindrücke zu verarbeiten. Unvorstellbare Grausamkeiten an Millionen von Menschen meist jüdischen Glaubens werden anschaulich durch die Berge an Brillen, durch die Schuhe, die Pässe, die Haare. Lageratmosphäre hat man bewusst erhalten in der Gedenkstätte. Auschwitz-Birkenau schließlich, das Vernichtungslager, zeigt, was Menschen  vermögen, wenn jedes Regulativ verlorengeht. Da kann ein Austausch in der Gruppe womöglich Erleichterung schaffen, manche Besucher suchen aber gerade die Ruhe, das Alleinsein, die Meditation, um sich des Gesehenen, also des tatsächlich Geschehenen bewusst zu werden. Vielleicht gehen die Gedanken auch in die Gegenwart. Fälle von Antisemitismus in der BRD bieten Anlass genug, leider.

Nelly Sachs, selbst dem Holocaust nur knapp entkommen, hat mit dem Gedicht „O die Schornsteine“ ein lyrisches Mahnmal geschaffen, Paul Celan mit der „Todesfuge“ desgleichen. Doch auch da droht Routine, wenn im Unterricht primär die Stilmittel aufgereiht werden und am Ende Punkte unter den Ausführungen stehen. Carolin Wille schreibt, ihr habe es nach dem Besuch des Konzentrationslagers gutgetan, sich in Krakow im jüdischen Viertel in einer Synagoge neben einen betenden Juden zu setzen. „Es tat gut, es tat einfach gut, sie, die glücklichen Juden, zu sehen“, schreibt sie und ergänzt: „Das Lachen in den Straßen des jüdischen Viertels war Balsam für die Seele.“

Am Studienseminar reflektiert man auch, wie die Gedenkstätte Bergen-Belsen in den Unterricht einbezogen werden sollte. Im Adolfinum war es bisher üblich, dass der 10. Jahrgang in die Heide fuhr, um die Einrichtung zu besuchen, meist mit einem Abstecher zur „Rampe“. In Stadthagen bietet die ehemalige Synagoge inzwischen Gelegenheit zu pädagogischen Workshops. Das Ratsgymnasium ist hier federführend, auch durch ehemalige Lehrkräfte, deren Engagement nicht aufhört, nur weil die Dienstzeit endet.

Unsere Philosophie-Studienreferendarin wird ihre Eindrücke und Gedanken sicherlich auch in die Arbeit der Fachschaften Geschichte, Religion, Werte und Normen sowie Politik und Deutsch einfließen lassen. Navid Kermani hat vor ein paar Jahren in einer Rede in München darauf hingewiesen, was es heißt, in Auschwitz mit deutscher Schuld konfrontiert zu werden, wenn man selbst zwar die deutsche Staatsbürgerschaft hat und zur Reisegruppe aus Deutschland gehört, aber sich doch der eigenen Wurzeln bewusst ist, etwa wie in seinem Falle im Iran -  ein ganz großes Thema für heutige Schülergruppen, in denen die Wurzeln der Familien noch weiter verzweigt sind.

Volkmar Heuer-Strathmann