Leistungskurs Deutsch zu Gast im Mindener Stadttheater

„Spring Awakening“ – ein furioses „Frühlings Erwachen“

Als „Kindertragödie“ hat Frank Wedekind sein Stück „Frühlings Erwachen“ bezeichnet. Für „Spring Awakening“ wird man einen anderen Begriff finden müssen, aber das tut der Aufführung in Minden, die von einem Deutsch-LK des Adolfinum besucht wurde, sicherlich keinen Abbruch.

Das Rock-Musical, das vor mehr als zehn Jahren am Broadway Premiere feierte, schafft die Möglichkeit, alle Register des modernen Musiktheaters zu ziehen. Wenn man es kann. Und die Schülerinnen und Schüler des Herder Gymnasiums Minden, die in einem Kooperationsprojekt mit dem Mindener Stadttheater (Fotoquelle) zu sehen sind,  können es - vielleicht noch  nicht alles, etwa im Sologesang, aber sehr viel, wenn es um ganz bestimmte Typen geht, um chorische Auftritte, um Bühnendynamik, um Raumnutzung und um die richtige musikalische Begleitung, um Musik, die sich im Geschehen weiß. Das alles entschädigt reichlich für den Mangel an Traurigkeit.

Schließlich geht es um Abtreibung und um den Suizid eines Schülers. Keine leichte Kost. Lennart Ferling wird zum Star des Abends. Er gibt dem Moritz Stiefel noch mehr mit auf den Weg als Wedekind. Dafür ist es bei Esther Kipnis als Wendla Bergmann etwas weniger, aber immer noch genug, um mitzugehen, mitzuschwingen und auch sie in ihrem Umfeld  so zu erleben, dass die Repressionen, die Tabus, die Aufzuchtarten deutlich werden. Kein Hund wollte so leben. Kein Storch wollte noch herhalten für die alte Mär.

Etwas Drill im Fach Latein, etwas Extemporieren unter der Knute, das gefiel dem im Schnitt recht jungen Publikum natürlich besonders. Das saß. Jeder Hieb. Die Lehrkräfte verstehen ihr Handwerk. Sie haben Untertanen abzurichten. Da fällt ein Melchir Gabor (feurig: Dominik Broshinski) aus der Rolle. Er entfacht die Glut der Jugendlichen erst so richtig. Ein bisschen „Faust“, ein bisschen Freud, das zeigt das ganze Herzeleid. Das Wort „Mutterliebe“ entfaltet seine schöne Mehrdeutigkeit. Die Bückeburger schienen auch recht angetan von diesem Feuerwerk am Abend eines Klausurtages.

Im Ensemble übrigens auch Zoe Pape, Abiturientin des Jahrgangs 2017. Inspizientin ist ihr Job. Wie zu erwarten, geht sie auch nach der Reifeprüfung weiter den freien Künsten nach. Ein Blick ins Programmheft zeigt, wie viele Menschen an diesem großartigen Musiktheaterabend beteiligt waren. Respekt!!

Volkmar Heuer-Strathmann