Adolfiner beteiligen sich an Gedenkfeier zur Pogromnacht 1938

„Das kollektive Stadtgewissen muss wach bleiben!“

„Ich hätte singen können, so berauschte mich die Lust, mit meinem Hammer zu wirken.“ Worte aus dem Jugendbuch „Damals war es Friedrich“, das auch schon von Kindern gelesen wird. Der Protagonist wird mitgerissen vom Sog der Zerstörungswut. Er erkennt sich nicht wieder. Was treibt ihn, was lockt ihn? Wo ist die innere Stimme, die Einhalt gebietet? Antisemitismus hatte ihn zuvor nicht angezogen. Ein jüdischer Freund war ihm lieb und wert. Aber ein Kollektiv hat eigene Mechanismen. Da ist auch die Schuldfrage schwer zu beantworten. Erledigt ist sie deshalb nicht, im Gegenteil.

Jedes Jahr wird am 9. November an die Reichspogromnacht 1938 erinnert. Auch in Bückeburg. In diesem Jahr waren auch Adolfiner dabei, vorneweg Schulleiter Michael Pavel mit seinem „Werte und Normen“-Kurs aus dem 11. Jahrgang (Foto: Landeszeitung). Einige von ihnen hatten wenige Tage zuvor im Seminarfach lesen müssen, was der AfD-Politiker Björn Höcke von der deutschen Erinnerungskultur hält, wie sie sich seit jener legendären Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Jahre 1985 entfalten konnte. Eine Wende um 180 Grad wurde gefordert.  

Ganz anders die Redner in Bückeburg. Pastor Wieland Kastning mahnte, das „Stadtgewissen“ müsse wach bleiben. Bürgermeister Reiner Brombach betonte: „Gerade die Jugend muss sich vergegenwärtigen, welche Schuld Deutschland auf sich geladen hat.“ Erinnerungskultur ist dann kein Selbstzweck oder bloße Zeremonie, sondern Auseinandersetzung, Disput. Diktieren kann man sie nicht. Die Kehrtwende auch nicht.

Der Abiturjahrgang 2018 hat das Thema im Fach Deutsch  als Pflichtstoff. Dabei geht es auch um die sogenannte Bücherverbrennung. Das Fanal war nicht der Anfang, aber ein schrecklicher erster Höhepunkt im Mai 1933. Sollten die Vorabitur-Klausuren zu der Thematik bedenkenswerte Ergebnisse zu Tage fördern, müsste man sie eigentlich mal öffentlich machen. Roman Herzog äußerte in diesem Zusammenhang einmal: „Für mich ist alles richtig, was unseren Kindern und Kindeskindern die Verantwortung für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde in die Herzen gräbt…“

Volkmar Heuer-Strathmann