Wie die Bückeburger Wagenremise zum Wartesaal des Lebens wurde…

Amateurensemble JUST beeindruckte mit Becketts „Warten auf Godot“

Das Warten gilt vielen Menschen als sinnlos, als verlorene Zeit. Und als Zeit der Ungewissheit. Deshalb die schöne Musik in den Warteschleifen, deshalb die zunehmende Nervosität und die Entschuldigungen. Was aber, wenn Warten zur Existenzform wird, zum Zentrum des Lebens? Und wenn der wartende Mensch nicht sicher sein kann, worauf er wartet und was ihn erwartet?  

In „Warten auf Godot“ erzählt Samuel Beckett davon – mit den Mitteln des absurden Theaters. Das Bückeburger Amateurensemble JUST hat mit seiner Umsetzung des oft gespielten Dramas aus dem Jahre 1953 in der gut besuchten Remise zu beeindrucken gewusst. Selbst die Passagen, die wie Sketche anmuten könnten, schienen die Gemüter zu bewegen. Kein Wunder, wenn der Freitod als Alternative zum aufreibenden Warten auf einen gewissen Godot ins Gespräch gebracht wird, weil der einfach nicht erscheinen will, nicht gestern, nicht heute. Aber womöglich morgen? Keiner weiß es, Wladimir und Estragon, die beiden Protagonisten, auch nicht.

Tobias Kranz (Abitur 2014) gab den Wladimir variantenreich und mit starken Gesten. Jürgen Höcker entwickelte die Leidensgeschichte des Estragon mit großer Glaubwürdigkeit. Spielleiter Johannes Seiler, der sich mit dieser Inszenierung nach zwanzig Jahren aus Bückeburg glanzvoll verabschiedete, sieht in der Beziehung der beiden Landstreicher etwas von einer „alten Ehe“, von liebgewonnener Gewohnheit, leidlichem Auskommen und bleibender Unversöhnlichkeit.

Als ob das nicht genügte für ein monotones, aber wortreiches Leben in der Einöde, platzen Pozzo und Lucky herein und kehren die Situation ins Albtraumhafte. Der barsche Despot Pozzo (herrlich böse: Robyn Maas; Abitur 2011) herrscht gnadenlos über Lucky (Yvonne Schneider). Hochverdienten Sonderapplaus gab es für die Darstellerin nach dem minutenlangen scheinbar sinnfreien wissenschaftlichen Monolog, der am Ende so unerträglich für Wladimir und Estragon wird, dass es zu einem ersten Gewaltausbruch gegen Lucky kommt. Ein Anflug von Hass bricht sich Bahn, enthemmt und frei von Gewissensbissen und Sanktionen. Da geht noch mehr, dieser Fremdling ist einfach zu fremd, zu eigensinnig, selbst für diese beiden Outsider ohne Bausparvertrag und Lebensversicherung.  .

Beckett belässt es nicht bei Finsternis, Eskalation und Verdruss. Er bietet den Wartenden und seinen Zuschauern einen Hoffnungsschimmer. Man weiß halt, wie der Mensch tickt, ob am Wegesrand oder im Parkett. Ein Kind kommt des Wegs. Ein kongenialer Regieeinfall stellt den „Jungen“ in gleißendes Licht - engelsgleich schwebend in Gang und Tonlage: Charlotta Kratochvil (Abitur 2014). Die Botschaft: Godot kann heute nicht kommen, aber bestimmt morgen. Man bleibt und wartet weiter, auch wenn es ganz am Ende wieder – wie immer - heißt: „Gehen wir!“

Nach solch einer Gratwanderung geht man nicht so schnell auseinander. So waren auch in der Remise nicht wenige Zuschauer zu sehen, die an den Stehtischen ihre Gedanken über dieses Theatererlebnis austauschten, im Innersten erreicht und bewegt, gerade weil Godot wieder nicht kommt. Johannes Seiler, der am zweiten Abend auch von ehemaligen Akteuren des JUST-Ensembles, darunter nicht wenige ehemalige Adolfiner, als Förderer und Freund gefeiert wurde, ist zwar nach Bonn gegangen, aber seine Botschaft dürfte Bestand haben, schon durch die Wirren der Politik, die kleinen Katastrophen des Alltags und die Eskapaden des Zeitgeistes: „Das Theater ist nicht absurder als das Leben selbst.“  

Volkmar Heuer-Strathmann