"Geh aus, mein Herz, und suche Freud'!"


Seminarfachkurs "Psychologie" auf Studienfahrt in Wien

Was bleibt, wenn "Abi 2018" in einigen Jahren auf die eigene Schulzeit zurückschaut? Die Einschulung? Die Umschulung auf das Gymnasium? Die Tage der Abiturklausuren? Abikonzert, Abistreich und Abiball? Blättert man Jahr für Jahr in den Magazinen, die am Ende der Schulzeit erscheinen, gehören die Studienfahrten auf alle Fälle dazu. Sie schaffen den Stoff für Erinnerungen, sie bieten einfach mehr als nur Trott, als Arbeitsblatt, Vokabeltest und Pflichtlektüre. Was genau sich da ablagert, was sich einprägt, was Spuren hinterlässt und Konturen schafft, das weiß, wer mit dabei war, selbst am besten. Fotos können dabei sicherlich auch eine gewisse Bedeutung haben. Der in Wien gedrehte Film "2 für 1" wird Maßstäbe setzen für andere Studienfahrten, das ist gewiss. 

Für diejenigen, die nicht zur Reisegesellschaft von Andrea Bähre und Volkmar Heuer-Strathmann gehörten, ein paar Adressen: Stephansdom, Wiener Hofburg mit Sissis Gemächern, Freud-Haus mit Designer-Couch, Jüdisches Museum samt "Bunker"-Projekt, Millennium Tower, Schloss Schönbrunn samt Park, Prater, UN-City, Burgtheater... Und im Kino gab es - streng freiwillig und höchstaktuell - "The Circle".  Auf eigenen Wegen ging es zu Hundertwasser, ins Schloss Bellvedere, zur Ausstellung "World Press Foto", in die Albertina und und und ein Besuch im "Sacher" soll auch eine feine Sache sein. 

Im Fach Deutsch befassen sich alle Schülerinnen und Schüler in 12.1 mit Rhetorik. Wie unterschiedlich Vorträge und Eräuterungen ausfallen können, zeigten die Zuständigen, als es um Sigmund Freuds Leben und Wirken ging, um das Überleben der Menschen in Israel im "Bunker" und um die Bedeutung der Vereinten Nationen. Noten wurden nicht gegeben. 1-, 3+ und 4-? Zugegeben subjektiv!  Leichte Unmutsäußerungen zeigten, dass sich Adolfiner nicht alles erzählen lassen, etwa  wenn die sicherlich ziemlich unverdächtigen UN ohne Not beschönigt werden. Eine reine Erfolgsgeschichte - kaum mehr als die halbe Wahrheit. Das weiß man als Weltbürger - nicht nur im Politik-Lk.

Bleibt noch ein Blick ins Theater. "Geächtet" sollte gegeben werden, ein Stück scheiternde Integration. Auch Burgschauspieler können erkranken. Also gab es Goethes  "Hermann und Dorothea", auch etwas mit Flüchtlingen und Ausgrenzung, dargeboten als szenische Lesung. Also galt es zu verhandeln, fernmündlich. Die  Alternative für die Gäste aus Deutschland, tags darauf im Programm:  "Hexenjagd" von Arthur Miller (1953). Religiös motivierter Wahn in den eben erst vereinigten Staaten, Exzesse, Hassorgien, Hinrichtungen in Gottes Namen, wir schreiben immer noch 16. Jahrhundert. Der Anlass für den Autor: selbst erlittene Verfolgung in den USA in den 1950-er-Jahren: Kommunismusverdacht. Koreasyndrom. Eine recht freizügige Eröffnung des reichlich gedehnten Schauspiels ließ einen der jungen Adolfiner am Tag danach zur Lobeshymne anheben: "Die ersten zwei Minuten waren doch gut!"            

Was bleibt? Die Erinnerungen an die Jugendherberge Myrthengasse? Das Zimmerleben? Sechs Tage ohne die Obhut der Eltern? Der erste Abend mit der ersten Prognose zur Bundestagswahl ("politisches Erdbeben")? Die innere Überwindung einiger Helden vor der Fahrt mit dem Kettenkarussel? Österreichs "Schicksalsjahr 1938"? Die Freizeit auf einer solchen Freudfahrt? Was "Es" war, soll "Ich" werden? Was ist von Wert? Was hat Bestand? Der Herzbubenstreich von Schönbrunn als Video? Das Massenerleben in den U-Bahnen? Freud hat sich auch mit der Psychologie der Masse befasst. Noch mehr seine Schüler. Darüber wird zu sprechen sein und natürlich über die Frage nach der "Identität der Österreicher", wenn der Seminarfachkurs "Psychologie" nach den Ferien wieder tagt. Oder wäre das zu früh für ein "Weißt du noch in Wien, als..."? Man ist durch Erfahrung eben nicht mehr - um Goethe zu zitieren - " so als wie zuvor".

Volkmar Heuer-Strathmann