Als Austauschschülerin acht Wochen lang im Anden-Staat Peru

Nach der Rückkehr: Julina Lotze aus der Klasse 10.3 im Interview

Insgesamt waren es knapp acht Wochen. Inzwischen ist Julina Lotze aus der Klasse 10.3 wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Anders als die Schüler aus ihrer Klasse hat sie den größten Teil der Sommerferien in Peru gemeinsam mit ihrer Gastgeberin Marialexandra in der Schule verbracht, und zwar in Lima, der Hauptstadt des Anden-Staates. Aber sie hat nicht etwa nur die Großstadt gesehen und erlebt. Regenwald, Hochland und Wüste standen auch auf dem Programm. Und natürlich die Kultur der Inka-Zeit.

Vom 24.07 bis 04.08 waren in Peru „Winterferien“. Im Interview erzählt Julina, wie es ihr ergangen ist während ihres Gegenbesuchs.

Was hat während deiner Zeit in Peru den intensivsten Eindruck auf dich gemacht?

 Was ganz Besonderes war die Fahrt nach Machu Picchu. Es ist einfach ein unglaublicher Ort und ich hätte niemals gedacht, wie riesig das alles ist. Die Inka waren einfach unglaublich schlau und raffiniert. Selbst als man da war, konnte man gar nicht realisieren und glauben, wie alt das alles schon ist, weil es noch so gut erhalten ist. Was ich auch sehr besonders fand, war die Offenheit der Menschen, jeder hat einen einfach unglaublich herzlich aufgenommen und man hat sich einfach wie zu Hause gefühlt, egal wo man war, weil die Menschen einfach so freundlich und liebevoll waren. Es gab viele Plätze, die sehr besonders waren, einfach weil man es in Deutschland nie so sehen oder erleben würde, wie zum Beispiel die Ica Wüste, Paracas und auch auf dem Ausflug in den Urwald haben wir so viel gesehen.

Wie warst du untergebracht?

Ich habe in einer Gastfamilie gelebt. Meine Gastschwester Marialexandra war im Winter schon hier, somit wusste ich, wo ich hinkomme. Sie selbst ist 16 Jahre alt. Außerdem hatte ich noch einen Gastbruder, der gerade einmal neun ist. Mit den Eltern haben wir in der obersten Etage gewohnt und ich hatte ein eigenes Zimmer. Unten haben noch mehr Familienmitglieder (Tante, Cousin, Cousine, Oma) gewohnt, also alle aus der Familie in einem Haus. Die Eltern haben beide sehr lange gearbeitet, meistens von 8 Uhr morgens und dann bis spät abends (der Vater war manchmal sogar erst um 21 Uhr zu Hause). Deshalb haben sie eine Haushälterin, die sich in der Woche um das Haus kümmert hat und kocht. In Peru ist sowas normal, fast jede Familie hat das, allerdings nur ab der Mittelschicht.

Wie kann man sich deinen Schulbesuch dort vorstellen?

Die Schule heißt Reina del Mundo, es ist eine deutsch-peruanische Privatschule. Die peruanischen Schüler müssen Uniformen tragen. Das Wappen der Schule und auch die Schuluniform sind zum Beispiel in den Farben der Deutschen Flagge gehalten. Der Unterricht war ziemlich anders, von der Stundenverteilung u.Ä. Es gab dort natürlich normale Fächer wie Mathe, Englisch, Deutsch und Spanisch, aber auch Fächer wie CAS, ein Fach, das die Kreativität und das soziale Denken fördern soll. Zum Beispiel wurde dort viel getanzt und einmal sind wir mit einer Gruppe von Schülern zu einem Kindergarten in ein ärmeres Gebiet gefahren und haben dort mit den Kindern gespielt und die Spielzeuge gereinigt, damit sie nicht im Dreck spielen müssen. Der Unterricht dort ist immer mal anders. Die meisten Austauschüler waren schon in der 11. Klasse. Dort gibt es einmal den IB- Zweig und den Basica-Zweig (also Grundkurs). Die IB Schüler hatten jeden Tag bis 17 Uhr Schule, während die Basica Schüler nur bis 15.40 Schule hatten. Dadurch war der Unterricht unterschiedlich schwierig und sie hatten unterschiedliche Projekte und Aufgaben. An meiner Schule waren wir letztendlich knapp 20 deutsche Austauschschüler. Deshalb haben wir von der Schule einen eigenen Stundenplan bekommen, mit eigenem Spanisch-Unterricht und Unterricht über die peruanische Kultur. Außerdem haben wir in den verschiedenen Jahrgängen beim Deutschunterricht geholfen, um die Lehrer zu unterstützen und es den Schülern einfacher zu machen.

Gab es Probleme bei der Verständigung?

Die Verständigung war nicht immer einfach, aber obwohl ich kein Spanisch konnte, hat doch alles ziemlich gut funktioniert. Sowohl meine Gastschwester als auch die anderen Schüler der Schule hatten einen sehr guten Deutschlevel und wer nicht so gut Deutsch konnte, hat Englisch gesprochen. In der Familie war das teilweise etwas schwieriger, aber auch hier hat Englisch sehr geholfen.

Unterscheiden sich die Jugendlichen, die du kennen gelernt hast, von denen in Deutschland? Was ist typisch, was ist Kult? Fühltest du dich angenommen oder fremd bzw. als „Fremde“ angenommen?

Jugendliche sind halt Jugendliche. Peruaner sind generell etwas aufgedrehter. Sie wollen immer tanzen und Action, es gab viele Partys und Tänze an den Wochenenden und ganz beliebt ist natürlich Latinomusik, die vor allem zum Tanzen sehr gut geeignet ist. Trotzdem arbeiten sie auch sehr konzentriert und viel für für die Schule. Für die peruanischen Jugendlichen sind deutsche Menschen ganz normal. Ein Großteil von ihnen war ja selbst schon in Deutschland. Trotzdem wundern sie sich hier und da über die hellere Haut und bewundern die blonden Haare und blauen Augen. Zwischendurch gab es auch hier und da mal negative Kommentare zu Deutschlands geschichtlicher Vergangenheit, trotzdem war auch viel Bewunderung und Interesse an dem Land, in dem die Wirtschaft und die Politik so gut funktionieren. Deutschland ist für viele ein Ziel, ein Ort, wo sie später mal leben wollen.

Hast du vereinzelt oder regelmäßig Kontakt nach Deutschland gehabt?

Anfangs hatte ich sehr viel Kontakt nach Deutschland, weil viele sehr interessiert waren, wie es in Peru ist usw. Zum Ende hin ist der Kontakt weniger geworden. Hier und da schreibt man mal mit jemandem, aber eigentlich selten. Im Nachhinein ist das auch viel besser. Durch die verschiedenen Zeitzonen war man immer am umrechnen und sonst was. Dadurch war es schwieriger, sich richtig einzuleben und an dem Ort anzukommen. Zwischendurch habe ich natürlich trotzdem mit meinen Freunden telefoniert, geschrieben und Bilder gepostet, damit sie etwas von meiner Reise mitbekommen. In der Zeit, als wir im Urwald waren, hatten wir gar kein mobiles Netz und konnten niemandem schreiben, weil wir tatsächlich mitten im Nirgendwo waren, wo es einfach keinen Empfang gab. Dadurch hatten wir mehr Zeit, um alles zu genießen und uns alles anzuschauen, was auch von Vorteil war.

Haben die Menschen in Peru heute ein besonderes Verhältnis zu ihrer Kultur bzw. Geschichte, etwa im Hinblick auf die Hochkultur der Inka-Zeit oder die, spanische Kolonialzeit

In Lima merkt man vor allem viel von der Zeit der Spanier, als sie nach Peru kamen, denn viele historische Gebäude stammen aus der Zeit. Auch trifft man in Peru viele Leute aus den verschiedensten Kulturen, denn das ist dort alles sehr offen gehalten und es gibt relativ wenig Rassismus. Auch sind viele, die dort leben, halb peruanischer Abstammung und halb ausländischer und davon ist die Kultur geprägt. In Cuzco merkt man natürlich viel von der Inka-Zeit, denn die meisten Arbeitsstellen dort haben etwas mit Tourismus und der Geschichte dort zu tun. Ihnen ist das sehr wichtig. Aber man sieht auch an vielen Stellen die Zerstörung durch die Spanier und den dadurch folgenden Wechsel der Kultur. Wie sich die Kulturen damals gemischt haben. Die katholische Kirche zum Beispiel, hat dort einiges aus der älteren Kultur angenommen.

Gibt es besondere soziale Probleme wie Armut, Kriminalität, Arbeitslosigkeit?

In Peru und vor allem Lima gibt es große Probleme mit der Armut und der Kriminalität. Es gibt viele Menschen, die hungern müssen, und viele arme Gebiete. Neben einem reichen Stadtteil gibt es meistens einen ärmeren, einfach aus dem Grund, dass die ärmeren Leute so für die reichen arbeiten können. In der gesamten Stadt leben einfach zu viele Menschen, um dieses Problem mit der Armut zu lösen. Wenn man selbst in einer armen Familie geboren wurde, hat man fast keine Chance, studieren zu gehen. Staatliche Schulen sind dort nämlich nicht so gut wie hier, und obwohl es eine Schulpflicht gibt, halten sich die meisten Menschen nicht daran. Wegen der vielen Menschen ist es auch eine Qual, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Sie sind einfach überfüllt. Auch die Kriminalität ist ein besonderer Punkt. Ich selbst habe in einem reichen und sicheren Stadtteil namens La Molina gelebt. Trotzdem waren meine Möglichkeiten sehr weit eingeschränkt. Wenn meine Gastschwester und ich uns mit Freunden treffen wollten, mussten wir mit dem Auto gebracht werden, auch wenn die Fahrt wegen des vielen Verkehrs mal länger als 1-2 Stunden dauern kann. Öffentliche Verkehrsmittel nutzen ist hier viel zu anstrengend und gefährlich. Man kann überall beklaut und bedroht werden. Zu diesen ganzen Problemen hatten die Schüler im Deutschunterricht auch eine Projektarbeit. Sie haben sich Gedanken gemacht, wie Lima und Peru in 50 Jahren aussehen könnten. Dabei haben sie auch Deutschland sehr als Vorbild genommen, um ihr Land zu verbessern.

Hat dir das Klima oder die Höhenlage Probleme bereitet?

In Lima ist das Klima, obwohl es eigentlich Winter ist, meistens wie das Wetter in Deutschland im Sommer, also gab es hier kaum Umstellung für mich. Jedoch merkt man hier etwas die Luftverschmutzung durch Abgase. In Cuzco war es ein sehr großer Unterschied. Wir waren auf knapp 3.500m Höhe und es war sehr anstrengend. Sport machen war gar nicht richtig möglich. Am ersten Tag ging es vielen von unserer Gruppe sehr schlecht. Wegen der Höhenkrankheit fühlten wir uns einfach schlecht. Dagegen helfen nur bestimmte Tabletten und der beliebte Koka-Tee (Mate de Coca). Er wird in Cuzco sehr viel angebaut und getrunken. Er hilft sehr gut, aber meiner Meinung nach schmeckt er nicht. In Puerto Maldonado war das Klima vollkommen okay. Es gab keine Krankheiten o.Ä. Das einzige, was echt verwundernd war, war, dass es dort teilweise sehr kalt wurde. Dadurch, dass wir nicht in festen Häusern geschlafen haben, haben wir sehr gefroren, was man ja eigentlich vom tropischen  Klima nicht so denkt.

Wurde dein Aufenthalt von einer Organisation begleitet?

Der Schüleraustausch fand mit der Organisation CAPA statt. Die Organisation wurde gegründet, um Peruanern die Möglichkeit zu geben, Deutschland zu besuchen. Sie kommen jedes Jahr im Januar und Februar nach Deutschland und suchen immer wieder Gastfamilien, um ehrenamtlich einen Gastschüler aufzunehmen. Der Rückaustausch ist freiwillig, wird aber auch gut betreut und organisiert. Die Website mit mehr Infos und Kontaktpersonen ist: http://www.capaperu.org

Lässt sich etwas sagen über das Bild, das man von Deutschland und den Deutschen hat?

Peruaner denken, dass deutsche meist blond und blauäugig sind und sehr helle Haut haben. Solche Vorurteile gibt es ja immer. Außerdem kommen die Deutschen sehr pünktlich und streng rüber. Deutschland wird einfach als Vorbild angesehen, weil wir eine funktionierende Infrastruktur und Politik haben, niemand in Armut leben muss, ein gutes Bildungssystem und funktionierende Wirtschaft vorhanden ist. Das alles muss in Peru noch verbessert werden, während es bei uns schon läuft.

Was hast du innerlich mitgenommen, als du Peru verlassen hast?

Ich nehme so vieles mit. Peru ist für mich wie eine zweite Heimat. Ich habe dort eine Familie, die mich mit so viel Liebe aufgenommen hat. Ich habe viele Freunde gefunden, sowohl in Deutschland durch die anderen Austauschschüler als auch in Peru. Der Gedanke, wie gut wir es in Deutschland haben, ist noch eine andere Sache. Ich habe in Peru so viele Dinge wie Armut oder Ähnliches gesehen, was es so bei uns in Deutschland gar nicht gibt. Wir leben in einer sicheren Welt und haben so viele Freiheiten. Und dann gibt es natürlich noch alle schönen Momente, die ich erlebt habe, und Orte, die ich besucht habe. Es war eine besondere Zeit, die ich niemals vergessen werde.

Was wäre noch erwähnenswert?

Eine andere Sache, die in Peru sehr anders ist als in Deutschland, ist das Essen. Es gibt viel Reis und Fleisch, sie trinken viel Kakao und Kaffee und essen ganz besondere Sachen, wie zum Beispiel Anticucho, was so viel wie Kuhherz bedeutet. Auch werden Meerschweinchen weniger als Haustiere und mehr als Delikatesse zum Essen angesehen. Viele Sachen werden dort sehr stark gewürzt und vieles wird mit der scharfen Aji- Sauce gegessen.

Das Interview wurde von Volkmar Heuer-Strathmann per Mail durchgeführt.