Freilichtbühne Porta beeindruckt mit dem Musical "Das Dschungelbuch"

Adolfiner Leo Pape spielt sich als "Mogli" in die Herzen der Zuschauer

Mit den Erzählungen, die gern als "Das Dschungelbuch" zusammengefasst werden, ist dem Briten Rudyard Kipling Ende des 19. Jahrhunderts ein echter Klassiker gelungen - unabhängig von jeder Schwarz-Weiß-Malerei in Sachen Wildnis und westlicher Zivilisation. Kinofilme und Comics, Bilderbücher und Bühnenfassungen zeugen vom großen Erfolg. Die Freilichtbühne Porta präsentiert die Geschichte von Mogli, dem Findelkind, das angesichts der im Urwald lauernden Gefahren zurückgeführt werden soll zu den Menschen, in der laufenden Saison als Musical von Juiane Wulfgramm und Andreas Lachnit. Die Ostwestfalen, bei denen mehrere Adolfiner mitwirken, wecken mit ihrer Produktion wahre Begeisterungsstürme.

Regisseur Detlev Schmidt weiß mit seinem Ensemble Bilder zu schaffen, die sich tief einprägen. Die Naturkulisse bietet dabei für das geschickt gewählte Stück ideale Bedingungen, etwa wenn die Affenbande nicht eben leise von den Felsen herabsteigt, wenn gestresste Wölfe im Rudel vor Felsengestein verrücktspielen oder die Kompanie Elefanten wie aus einer Seitenschlucht einmarschiert mit Fanfaren-„Trärä“. Herrliche Tierkostüme prägen die einzelnen Szenen und setzen heitere Akzente – ein Dschungelcamp mit lustigen Vögeln, darunter die Adolfinerin Geena Feldkötter (Abitur 2018), ein hinkender Tiger Shir Khan (herrlich finster: Simon Volkmann), Holger Pape als ursympathischer Honig-Bär Baloo und Melina Alsdorf in der Rolle der Baghira, stets sauber in der Artikulation und sicher in der Bewegung, ganz Panther eben. Gute Fabeltiere kommen hier mit Herz, Instinkt, Stil und Verstand daher. Am meisten gelacht aber wurde über die Dickhäuter. Eine Wehrbeauftragte hätte viel Freude gehabt am penetranten Bemühen der Elefantenkühe, darunter Miriam Barbi (ehedem) vom Bückeburger Gymnasium, um angemessene Beachtung der weiblichen Formen bei Tagesbefehl, Erfolgsbericht und Dschungelparole – rein grammatisch, versteht sich.    

Besonders hervorzuheben bleibt die Leistung von Leo Pape in der Rolle des Mogli. Wie der junge Adolfiner das Kind spielt, das nicht mehr „klein sein“ will trotz all der Gefahren, das mit ganzer Kraft wagemutig oder gar waghalsig voranschreitet in der Wildnis, das Geborgenheit braucht, aber Zärtlichkeit scheut auf Knabenart und nie in Bühnenton verfällt, das lässt fast vergessen, dass er selbst eben erst das 5. Schuljahr absolviert hat. Eine Schar munterer Menschenkinder zeigt ihm am Ende, dass er willkommen ist, dass er dazugehört, auch wenn er von Baloo und Baghira nur Tierlaute nachzuahmen und zu deuten gelernt hat, paar Kapitel Charakterkunde, etwas Pflanzenlehre und Minimaliterpretation fürs Überleben: „Die rote Blume bedeutet Feuer!“ Nichts für Affenhände, nachher bereiten sie noch dem Rest des Commonwealth mit Waffengewalt ein wildes Ende!

Zoe Pape, bis vor einer Woche ebenfalls Adolfinerin und weiterhin sicher dem Theater als Lebensart im Sinne von Goethes „Wilhelm Meister“ verschrieben, zeigt in der Rolle der Schlange Kaa schön giftige Züge. Sie hat auf ihre Art Feuer und glänzt im Ganzkörperkostüm von einigen Metern Länge schon allein durch gewandtes Schlängeln, giftiges Züngeln und entzückend gezischte Worte, spielt aber nicht über die Maßen mit der Angst der vielen Kinder unter den immer wieder begeistert applaudierenden Gästen. 

Zum Selbstverständnis des Ensembles gehört es, die Hauptrolle doppelt zu besetzen. Man braucht die Kinder im Kinder- und Familientheater, aber man verbraucht sie nicht als früh verformte Kinderstars. Da  sind Pädagogen am Werk. Matti Glöckner kann deshalb als Mogli ebenfalls immer wieder zeigen, was in ihm steckt. Dass die Inszenierung der Ostwestfalen insgesamt mehr vom Schauspiel lebt als von der mit Orchesteraufnahmen unterlegten Musik (Marc Schubring), schmälert die Leistung nicht (musikalische Einstudierung: Karolin Bornemeier). Geier und Elefanten singen nun mal keine ESC-Arien, von heulenden Wölfen und herumalbernden Affen, vorneweg herrlich aufgeregt und voll herrschaftlich aufgelegt das Oberaffenpaar Sven Hering und Katja Mehwald, ganz zu schweigen. Nicht jede Kreatur hat so viel vom guten dunklen Urwaldhonig in der Stimme und solch einen wuchtig ausgepolsterten Klangkörper wie Baloo, der dicke gutherzige Brummbär, der Kinderfreund.     

Die nächste Aufführung ist am 2. Juli um 16.30 Uhr. Über den genauen Spielplan bis zum 10. September 2017 informiert die Homepage der Freilichtbühne Porta.

Volkmar Heuer-Strathmann