Filmteam aus dem Adolfinum zu Gast bei Marie-Luise Spickschen-Sievers


Auf der Suche nach etwas Licht in den finsteren NS-Jahren von 1933 bis 1945

"Ein Film! Oh Gott! Ich bin schon  ganz aufgeregt!", sagt Marie-Luise Spickschen-Sievers, als das kleine Aufnahmeteam ihre Wohnung betritt. Ein verschmitztes Augenzwinkern verrät, dass der Humor nicht Schaden genommen hat im Laufe der Jahrzehnte.   

Marie-Luise Spickschen-Sievers, Jahrgang 1927, ist die Tochter des ehemaligen Bürgermeisters Karl Wiehe. Ihr Vater war ursprünglich Verwaltungsjurist und wurde 1912 zum Stadtoberhaupt gewählt. Er war somit in der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und kurzzeitig im NS-Staat Bürgermeister Bückeburgs.

Studienreferendarin Janine Kiesche beschäftigt sich in ihrer Examensarbeit mit der NS-Zeit, speziell mit der Frage, ob es in der Region Schaumburg-Lippe "Beispiele von Widerständigkeit" gegeben hat. Der Besuch  bei der rüstigen Seniorin hat noch eine andere Bedeutung: Das Zeitzeugeninterview wird von Leon Klaus und einem Helfer aufgenommen. Die bearbeitete Filmfassung steht schon bald für den Unterricht zur Verfügung.   

Über die Einzelheiten wird noch zu berichten sein. Für Interessierte nur so viel aus der Feder von Janine Kiesche: "Am 1. April 1936 ist Karl Wiehe zwangspensioniert worden, nachdem er bereits 1935 seinen Bürgermeisterposten verlor. Als Anlass wurde das 'skandalöse und provozierende Verhalten' seiner Ehefrau angeführt, die in 'Judengeschäften' eingekauft hatte."

Adolf Manns, ehemaliger Adolfiner mit mäßigem Schulerfolg und Scharfmacher in der dienstbar gemachten Lokalzeitung "Die Schaumburg", hatte gegen die Wiehes gehetzt. "In offiziellen Anschuldigungsschriften", so Kiesche, "ist dabei von 'Selbstherrlichkeit' und 'passivem Widerstand' die Rede. Die NSDAP-Magistratsmitglieder erklärten daraufhin eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister für unmöglich."

Wenn es demnächst im 10.jahrgang im Fach Geschichte in einer Unterrichtseinheit heißt "Zivilcourage und Widerstand in der Region Schaumburg-Lippe", wird vermutlich kein roter Teppich ausgerollt für die Interviewte, obwohl Premiere ist. "Es ist ja nur ein kleiner bescheidener Beitrag", sagt sie selbst, nachdem sie eben noch ganz konzentriert aus ihrer Kindheit erzählt hat. Plötzlich habe die Famiiie am Rande der Gesellschaft gestanden - eine bittere Erfahrung auch für das Kind, über die die Betagte heute ohne Bitterkeit, aber mit klarem Blick für Recht und Unrecht sprechen kann.    

Volkmar Heuer-Strathmann