„Es geschieht nicht mir – aber jetzt“

Mitglied von Amnesty International besucht Jahrgang 8 im Fach Werte und Normen

Von Lara Langer

Stell dir vor, du wirst des Handydiebstahls verdächtigt. Soldaten nehmen dich auf der Straße fest, foltern dich und übergeben dich erst dann der Polizei. Dort geht die Tortur so lange weiter, bis sie ein Geständnis aus dir herausgepresst haben wie Saft aus einer Zitrone. Im Gefängnis dann wartest du auf einen Prozess, deine Eltern dürfen dich zweimal im Monat besuchen, sonst niemand… Während deine Freunde einen Abschluss machen, wirst du nach acht langen Jahren des Wartens in einem Prozess schuldig gesprochen: Das Urteil lautet „Tod durch Strang“.

„Wegen drei Handys?! Das ist so dumm!“, platzt es aus einem Schüler heraus, denn das ist keineswegs ein fiktives Beispiel, sondern der reale Fall des Moses Akatugba aus Nigeria, der 2005 im Alter von 16 Jahren festgenommen worden war. In Deutschland undenkbar, uns schützen Gesetze: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt“, haben die Schüler im Unterricht gelernt.

Was im Alltag eher klingt wie leeres Phrasendreschen aus der Politik, geht aber alle etwas an. Das hat Hans-Dieter Lichtner, pensionierter Lehrer des Ratsgymnasiums Stadthagen, dem WuN-Kurs des 8. Jahrgangs mit Beispielen gezeigt, die unter die Haut gehen. Der Referent überrascht mit unerhörten Tatsachen: Nigeria hat die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen unterschrieben. Auch Deutschland hat keine weiße Weste, was das Foltern von Gefangenen angeht, wenngleich der Fleck auf der Karte heller schraffiert ist als der dunkelrote Nigerias. Aber Papier ist bekanntlich geduldig und im UN-Rat hacke eine Krähe der anderen kein Auge aus, so versucht Lichtner der Klasse ihre Verwirrung über eine anscheinend nutzlose, weil ungültige Übereinkunft zu nehmen. 

In solchen Fällen tritt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International auf den Plan und setzt sich weltweit für die Durchsetzung der in der Charta festgehaltenen Menschenrechte ein. Dazu zählt vorneweg das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Lichtner stellt verschiedene Arbeitsweisen Amnestys vor: Eindringliche Plakate, Eilbriefaktionen, Öffentlichkeitsarbeit mit Ständen oder Flashmobs und den jährlich um den 10. Dezember (Internationaler Tag der Menschenrechte) startenden Briefmarathon. Auf der Homepage von Amnesty werden 12 Fälle vorgestellt – 2014 war unter ihnen der vermeintliche Handydieb Akatugba – und jeder hat die Möglichkeit, einen vorgefertigten Brief zu unterschreiben und zu verschicken.

Man stelle sich die Wirkung vor wie die Einladung Harry Potters nach Hogwarts: Der Postkasten platzt aus allen Nähten, wenn wie im Fall von Akatugba eine halbe Million Briefe am ihrem Ziel ankommen. Es geht weniger um den Inhalt, denn wer könnte diese Masse an Briefen lesen? Aber die Aktion ist öffentlichkeitswirksam und kann Leben retten. Wer sich beteiligen möchte: In diesem Jahr startet der Briefmarathon am 2. Dezember (www.briefmarathon.de). 

Im Fall Moses Akatugba konnte Amnesty einen Erfolg verzeichnen. Ein kleiner Schritt für Amnesty, ein großer für Akatugba, aber ein Armutszeugnis für die Welt, denn er ist kein Einzelfall.