Impressionen aus der Literaturwerkstatt des Adolfinum

Wenn die vertraute Tischnachbarin zur Fremden wird…

Papier und Stift, mehr bedarf ’s nicht. Gerne spricht man immer noch von der „Feder“ des Autors, auch wenn ‘s längst die Tasten einer Tastatur sind, auf die getippt wird, um Texte auf Bildschirmen entstehen zu lassen, ehe sie das gute alte Papier zieren. So das Handwerk. Kopflos wird man nicht viel zustande bringen. Es bedarf der Inspiration, wenn zu Werke gegangen wird. Manchmal ist es ein äußerer Impuls, ein Anstoß, etwa für die Sinne. 

In der Literaturwerkstatt haben die jungen Autorinnen kürzlich mit "irritierenden Veränderungen“ gearbeitet, das aktuelle Aussehen der Akteure wurde verändert, mal mehr, mal weniger. Ob es am Ende - ganz traditionell gefertigt, gefügt aus Tinte auf Papier, sitzend an Tischen, umgeben von Regalen mit Büchern aller Art - eine Kurzgeschichte wird oder Gedicht, das weiß man vorher nicht.

Welche Macht der Raum über die Gedanken hat, ist unerforscht. In der Cafeteria flössen die Gedanken sicherlich anders, die Räumlichkeiten, die die riesige Heizungsanlage beherbergen, hätten spezifische Resonanz, vom Lehrerzimmer gar nicht erst zu reden. Am Freitagnachmittag wäre auch da mal zu experimentieren mit  Maskerade, Wort und Sinn.   

In der Büchereiwerkstatt aber war die „konkrete Person Ausgangspunkt“, so AG-Leiterin Gaby Hundrieser. Jacke wie Hose, Haare wie Nase, Kopfbedeckung wie Schmuck – alles zunächst nicht anders als am Vormittag. Kein anderes Dressing, kein Shoppen in der Mittagspause, kein Spektakel. Oder nicht mehr als gemeinhin. Dann aber hieß es, „sich von tatsächlichen Person zu lösen“. Aus einem Schal wird ein Turban, aus einer Jacke ein Zwangsmittel - nichts bleibt, wie es ist. Als literarische Figur betrachtet, wüsste nur ein wahrhaft auktorialer Erzähler eine Antwort auf die Frage: „Was für eine Geschichte, was für ein ‚dunkles Geheimnis‘ könnte sie haben?“ Und ein lyrisches Ich? Oder ein erzählendes Etwas? Weniger und doch mehr - sicherlich!

Spaß habe es gemacht, war zu hören. Wirklich inspiriert von den operativen Eingriffen, seien Haikus, Lautgedichte oder Anfänge von Kurzgeschichten über "nächtliche Umtriebe" entstanden. Da darf man hoffen, bei Gelegenheit auch die Texte lesen zu dürfen…

Volkmar Heuer-Strathmann