Facettenreiche Lesung von Johannes Seiler in der Stadtbibliothek

Ehemaliger Lehrer des Adolfinum als Lyriker, Romancier und Blogger

Wer im April 1945 in Deutschland das Licht der Welt erblickt, gerät in eine Verwüstung, in Trümmer, in Trostlosigkeit. Wahrheit und Wahrhaftigkeit haben schwer Schaden genommen, die Muttersprache hat man aufs Gröbste missbraucht. Johannes Seiler wird mehr als siebzig Jahre nach Kriegsende einem aufmerksam lauschenden Publikum in der Stadtbibliothek Bückeburg Verse anbieten, die ahnen lassen, was es heißt, in einer derart verwüsteten Welt Halt zu suchen, Orientierung, Glaubwürdigkeit und Worte von Bedeutung. Wer Mut hat, wagt solche Blicke, schaut auf die eigene nackte Seele, auf das Kleinkind, den wunden Knaben, den verwirrten Jüngling. Vom "Wettstreit im stummen Stolz" ist da schon die Rede, vom „heftigen Herzschlag“. Jedes Wort ist beglaubigt durch die bewegte Stimme des Autors. Es ist beklemmend, auch wenn nicht nur Klagetöne angestimmt werden, es ist ermutigend, weil ganz persönlich Ausdruck gesucht wird in einer Welt voller Geräusche, Verordnungen und Phrasen, von Schreien aus Not ganz zu schweigen.

Eine ganz andere Seite zeigte der ehemalige Lehrer des Adolfinum in den ersten Abschnitten des Literaturabends, zu dem neben der Stadtbücherei auch die Bückeburger Begegnungsstätte eingeladen hatte. Seiler las zunächst aus einem unveröffentlichten Roman, dessen Handlung im minoischen Zeitalter auf Kreta angesiedelt ist. Danach ging es mit einem zweiten Werkstück in die späte Antike, in der ein aufgeklärter Geist mit Lebenssinn und Leidenschaft noch zu früh kommt, da Strenggläubige das große Wort führen, Fundamentalisten eben, die hetzen und metzeln. Ein dritter Abschnitt galt der Gegenüberstellung der „Geldmaschine Europäische Union“ und des wirkmächtigen „Mythos Europa“ – Texte aus einem Blog, Reflexionen aus dem Zettelkasten des politischen Zeitgenossen, als „Vermessen“ schön mehrdeutig betitelt.

Jürgen Hockemeier, lange Zeit Weggefährte Seilers, als es noch um Schülerlisten ging, um Haushaltsposten und das wunderbare Vokabular der Schulpädagogik, sprach anscheinend auch für andere Zuhörer, als er dem ersten der beiden breit angelegten Werke tiefere Wirkung bescheinigte. Mit Vehemenz und mit der ganzen Präsenz eines Rezitators hatte Seiler einen antiken Schauplatz freigelegt, auf dem vierzehn junge Geiseln einem alten Kult entsprechend geopfert werden sollen. Der Erzähler lässt ihnen die Würde, sie werden nicht - wie so oft bei enthemmter Gewaltdarstellung – einer Mischung aus Voyeurismus und Anteilnahme ausgeliefert.

Die Protagonisten des Romans suchen eigentlich das Glück, doch ein Tsunami bricht sich am Ende Bahn – Leben wird weggespült, Wortkaskaden reißen die Zuhörer mit, der Rezitator, der einmal Schauspiel gelernt hat als Kunsthandwerk, zieht seine Register. Als die See wieder ruht, scheint nichts gewesen. Nichts fließt, keine Woge, nicht eine Welle. Vorbei, was wie ein unbändiger Streit unter Menschen wirkte, wie Pubertät, Rausch oder Panikattacke, wie Menschenmassen in Aufruhr oder eben bloß der Untergang der minoischen Kultur auf Kreta. Ein Skandal, was die Geschichte so schluckt an einem Tag, das Meer liegt blank, die Stille hält an – auch als Seiler dann später wider Erwarten das Lesen endigt und verstummt. Aufgewühlt schaut er über den Brillenrand nach dem Eintauchen des Lyrikers in die Tiefsee der ersten Jahre, nach den Worten der Einsamkeit „unterm Kirschbaum“, nach Frühlingserwachen, Reifeprüfung und Universität, dem Reichtum des Berufs und einem späten Familienglück, das so gar nicht in die Zeit passen will mit den heutigen „Todgeweihten“ in Kretas Breiten.    

Volkmar Heuer-Straathmann