"Schul-Anzeiger" warnte schon vor über einhundert Jahren

Wenn das Lehrerzimmer allmählich zum Frauenzimmer wird...

Der Geist väterlicher Fürsorge spricht aus den Zeilen: "ganz gebrochen, nervös leidend, beständig kränklich" - so stellt sich einem Schulkenner im Jahre 1898 die Mehrzahl der im Lehrberuf tätigen ehedem jungen anmutigen Frauen dar. Ob eine breit angelegte und lang anhaltende Untersuchung mit Unterrichtsvisitation, Beobachtungsdokumentation und vertiefenden Gesprächen zu Grunde liegt, wissen wir nicht. Dass es Inspektionen schon zur Bückeburger Zeit Herders gab, ist sicher. Aber dieser kritische Geist hatte nur Lateinschullehrer vor sich und solche Männer, die es werden wollten in Schaumburg-Lippe. 

Hatten ein paar Herrenmenschen, die sich teils sogar aufklärerisch dünkten, schon vor 1800 davor gewarnt, was passiert, wenn Frauen zu viele Werke aus der Bücherkiste der "Empfindsamkeit" lesen, muss man 1898 erschüttert feststellen, was den meisten Lehrerinnen langfristig droht, wenn nicht nur gelesen wird, sondern auch noch gelehrt: "beständiges Siechtum"! Das Lehrerzimmer als Frauenzimmer als Intensivstation, die Kinder in den Klassenzimmern emotional verwahrlost und fachlich völlig ahnungslos, die Leitung der Anstalt am Ende und der liebe Staat in Auflösung begriffen! Land unter in Unterfranken, Aschaffenburg total geschafft!

Wie herrlich jedoch steht seinerzeit das starke Geschlecht im Lehramt da! Gereift und gut vorbereitet beginnt der junge Lehrer nach den ersten auch für ihn nicht eben einfachen Jahren endlich damit, "sich recht zu freuen". Grund hat er. Er kann es. Er macht es. Es kann ihm so leicht nichts anhaben. Er hat den Stock, ihn ziert das Amt, im Pensum ist der Pauker stets etwas voraus, das reicht. Den Rest besorgt die Angst. Aber wie lange hält das an, wenn Mannsbilder in Lehrerzimmern nicht mehr unter sich sind? Wird man nicht angesteckt von dieser Trostlosigkeit der Lehrerinnen, dieser Freudlosigkeit qualvoller Pflichterfüllung? Wird der Steißtrommler alten Stils nicht selbst bald verschlissen, wenn's an's Vertreten der Kränkelnden, Kranken und Siechenden geht?   

Gut, dass kluge Geister schon damals Buch geführt haben. So lesen wir in Hermann Ungars großartigem Roman "Die Klasse" aus dem Jahre 1921 von einem Pädagogen, der sich vermutlich hat anstecken lassen. Verweichlichung ist zu beklagen: "Er wusste, dass die Blicke der Knaben ihn umlauerten, dass jede Blöße, die er sich gab, sein Verderben werden könnte." Die Warnungen sind nicht gehört worden, das ist Fakt. Wie wären sonst Werke zu erklären wie "Kreide trocknet die Haut aus" von Jutta Strippel (1982)? Eine junge Lehrerin verfällt einem schönen Schüler. Von Freudlosigkeit wäre hier nicht zu sprechen. Als Text der Wünsche und Phantasien dient ihr "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" (Francois Villon). Das Siechtum triumphiert. Ein "Schul-Anzeiger" würde zur Anzeigeschrift. Genug davon! Auch ein Werk wie die kaum übertreffbare Liebesnovelle "Schweigeminute" (2008) von Siegfried Lenz steht plötzlich im Lichte der Sorge ums Schulwesen bei so viel Weiblichkeit. 

Nur gut, dass es am Gymnasium Adolfinum Kolleginnen (!) gibt, die solche Texte wie jenes Menetekel von 1898 nicht im Geiste der Bußfertigkeit, sondern frohgemut und wohlgelaunt im Lehrerzimmer posten. Dann weiß man wieder, was Fortschritt ausmachen kann. Was Humanismus sein kann. Was Vielfalt bietet. Ach, ob der Verfasser jener Zeilen noch etwas anderes gemacht hat in der Schule, als der Jungfern zarte Blüte zu betrachten, ehe es (für ihn) zu spät war?  

Volkmar Heuer-Strathmann