Wenn die Bilderstrecke im Netz zur lang anhaltenden Peinlichkeit wird

"Smiley"-Experte Willius referierte im Adolfinum über Internetnutzung

"Kinder brauchen Grenzen", schrieb der Psychologe Bruno Bettelheim schon vor Jahrzehnten. Eltern und andere Erzieher sind gefragt. Woran sich Grenzfragen entzünden, ändert sich von Generation zu Generation. Da ist es kein Wunder, dass Ralf Willius vom Verein "Smiley" viel Heiterkeit weckte beim offenen Elternabend im Adolfinum, als er von "Tamagotchis" sprach, jenen kleinen elektronischen Spielfiguren aus Japan, deren Pflege vor gut zwanzig Jahren in Schule und Familie echte Sinnfragen aufkommen ließ. Hier und da soll sogar Unterricht unterbrochen worden sein, weil „Fütterung“ auf dem Programm stand. Ob Schulabschlüsse durch derartige Lachnummern gefährdet waren?    

Sein eigentliches Thema – die Frage nach der Medienkompetenz der Eltern als Erzieher von Internetusern - bewältigte der Referent vor über vierzig interessierten Gästen mit einer gewissen Leichtigkeit. Heitere Anekdoten aus der Kampfzone schmückten die Gratwanderung zwischen rigider Kontrolle und nachlässiger Gewährung. Willius weiß, dass "wir die Dinger nicht wegkriegen". Mit recht aktuellen Zahlen zeigte er, wie "positiv" sich die Nutzerquoten entwickelt haben - bei Jugendlichen schon bis 100 Prozent. WhatsApp kann dabei in jeder Gruppe zum Minenfeld werden, Instagram in jeder Clique zum Haifischbecken. Die Bilderstrecken der Peinlichkeit haben fast Bestandsgarantie. Deshalb komme es darauf an, dass die Eltern mit den Kindern über deren Beschäftigung im Netz sprechen. Handyfreie Zeiten schadeten auch nicht. Wichtig seien Verbindlichkeit und Vorbildlichkeit. Außerdem müsste Sensibilität für die Privatsphäre geweckt werden, verknüpft mit Fragen nach dem Recht. Was die Grenzen anbelangt, weiß Willius: „Beliebt machen Sie sich damit nicht!“

Selbst Vater zweier Söhne, wirbt der Internetscout für ein aktives Familienleben alten Typs, für Unternehmungen im Freien, für Erfahrungen mit allen Sinnen und in Gemeinschaft, für Anerkennung und Aussprache, für Entdeckerfreude und persönliche Nähe. Das kostet Zeit? Das lässt Zeitbewusstsein  entstehen! Der Doppelklick gibt nicht mehr den Familienrhythmus vor. Gleichwohl ist der Experte aus Hannover überzeugt: "Der Mehrwert des Internet ist größer als die Risiken der Nutzung." Lernen heiß heute für viele zunächst Googeln. Schule hat Suchkompetenz zu vermitteln; Entscheidungskriterien sind gefragt. Was Spiele wie "World of Warcraft" anbelangt und ihre Folgen für die junge Seele, hält er sich zurück mit einer Bewertung. Die Spielbegeisterung ganzer Schülergenerationen lässt vermuten, dass tiefe Bedürfnisse berührt werden. „Pokemon Go!“ hat eben erst gezeigt, wie Menschen spielend in Bewegung gebracht werden.

Kurz gestreift wurde auch das Problem der Verrohung. Beispiele von Hass und Hetze, von Respektlosigkeit und Dreistigkeit muss man in sozialen Netzwerken wie Facebook und auf der Videoplattform Youtube nicht lange suchen. Aber für Tutorials interessiert sich inzwischen sogar die Pädagogik. Die politische Dimension kam an diesem Abend etwas zu kurz. Da könnte ein Werk wie der eben erschienene Roman "Dschihad Online" von Bestsellerautor Morton Rhue („Die Welle“) womöglich weiterhelfen. Wenn da von „Enthauptungsvideos“ die Rede ist, muss man nicht kopflos reagieren – im Gegenteil. Die Wirkmacht der reinen Buchstaben ist geringer als die von Bildern und Videoclips mit realistisch anmutenden oder realen Gruselmotiven. Die Welt der Kinder und Jugendlichen im Netz ist eben keine Beautyfarm – trotz all der Videos über ein Leben mit genau dem Shampoo, das glücklich macht und erfolgreich und weniger einsam. "24/7" gut drauf sein, das kostet Kraft. Das macht müde. Das Motto der Netzwelt ist ja nicht neu: „Dabei sein ist alles!“ Nur gut, dass es Initiativen wie "Smiley" auch im Netz gibt.           

Volkmar Heuer-Strathmann