Curriculum-Entwicklung - nicht nur in "Politik Wirtschaft"


Wenn die Wirklichkeit das Lehrbuch täglich weiterschreibt...

Eine Seite aus dem "Weißbuch 1970" liegt vor den Schülerinnen und Schülern des Leistungskurses Politik-Wirtschaft, Jahrgang 12. Es geht um ein Bedrohungsszenario im Kalten Krieg, es geht um Prämissen, Gegebenheiten und mögliche Maßnahmen. Es geht um die Bundeswehr.  Geschossen wird nicht - höchstens an der innerdeutschen Grenze und nicht von westlicher Seite aus. Die Schüler kommen aus dem Staunen kaum heraus: So schlicht stellte sich die Welt dar seinerzeit? So klar zu überblicken? So einfach zu unterrichten, zu leicht zu lernen?

Schaut man dagegen auf die Szenarien der Gegenwart mit dem Kernthema Terrorismus, dem schwer fassbaren "Islamischen Staat" und einer Bundeswehr, die von Auslandseinsätzen geprägt ist, wird klar, wie sich ein Schulfach permanent ändern kann, das das politische Geschehen ins Auge fast, Entscheidungs- und Handlungsstrukturen betrachtet und an Theorie nicht arm ist. Und da  soll ein sogenanntes Curriculum Fundament sein, in Niedersachsen immer noch erst beginnend im Jahrgang 8, obwohl "Rot-Grün" es im Nachbarland NRW anders macht?

Die Fachschaft Politik-Wirtschaft hat sich wieder einmal unter der Leitung von Marcel Dübner emsig an die Arbeit gemacht am Nachmittag und auf der Grundlage der Vorgaben des Kerncurriculums das eigene Tun und Lassen im Hause strukturiert und mit Lehrbuchaspekten kombiniert. Die Europäische Union wäre auch ein großes Thema (Jahrgang 10), um das Prinzip permanenter Veränderung darzulegen. Der Euro - eine Medaille mit zwei Seiten? Das dürfte doch wohl ein bisschen mehr sein. Oder die Lebenswirklichkeit der Schüler als Konsumenten beim Internetshopping (Jahrgang 8).  Die Veränderungen in der Schülerschaft wären auch mal ein schönes Thema, um die Arbeit eines Faches so vorzustellen, dass neue Herausforderungen sichtbar werden und Handlungsfelder der Fachdidaktik.

Gut, dass es  das Grundgesetz gibt. Da hat man etwas Solides in der Hand. Von einer "Ewigkeitsklausel" ist sogar die Rede. Doch auch da ist für Abwechslung gesorgt - die Flüchtlingsproblematik, das Staatsbürgerschaftsrecht, die innere Sicherheit, die Gewaltenverschränkung, die Parteienlandschaft mit untergehenden "Piraten" und einer kometenhaft aufsteigenden "AfD", die mehr Plebiszite möchte, genau wie die "Grünen", die "Linke" und ab und an auch andere Mitbewerber (Pflichtthema 11.1). Da kann man die NPD und das Verbotsverfahren fast vergessen.

Kein Lehrbuch kann die Entwicklung ganz abdecken. Auch keine Abi-Box. Das liegt in und  an der Natur der Sache. Jede Zeitung kann Unterrichtsmaterial liefern - ob im Netz gelesen oder am Kiosk gekauft (FAZ und Süddeutsche je 2 Euro 60, steuerlich nicht absetzbar). Eine Sentenz wie "Wir schaffen das!" reicht einem für eine Doppelstunde. Wer sind wir denn!  Glücklich der Mensch, der vom Leben in dieser Welt unterrichten darf paar Stündchen die Woche! Oder etwa nicht?
Volkmar Heuer-Strathmann