"Die Bilder der Zerstörung stehen immer wieder vor mir!"

Gespräch mit Haneen Nouri aus der Sprachlernklasse

Im Deutschunterricht wird gerade das sachliche Informieren und das wirkungsvolle Appellieren geübt, Thema: „Helikopter-Eltern“. Das Material zeigt, was passiert, wenn Eltern zu viel und zu lange helfen. Haneen Nouri hat ganz andere Probleme, nicht mit ihren Eltern, sondern mit ihrer Lebenssituation als Flüchtling aus Syrien. Also dreht sie die Aufgabe kurzerhand um und notiert, was nach zwei kleinen Hinweisen des Lehrers fast fehlerfrei dasteht: "Hilf mir, einen deutschen Text zu schreiben!" Als sie ihre Zeilen vorliest, herrscht völlige Ruhe in der Klasse 9.3. Jedes Wort hat Gewicht, jeder Satz geht zu Herzen.

Haneen gehört zur ersten Sprachlernklasse am Adolfinum. Ihr Lernfortschritt ist enorm. Nur ihre Ungeduld ist noch größer. Denn sie ist eben "schon siebzehn Jahre alt" und will das Sprachdiplom "B2" möglichst bald erlangen. Später möchte sie Zahntechnikerin werden. In Syrien hatte sie noch davon geträumt, einmal Pharmazie zu studieren, aber das scheint ihr nun nicht mehr erreichbar: „Ich habe ein paar Jahre verloren.“ Umso mehr bemüht sie sich im Unterricht der Sprachlernklasse. In der Klasse 9.3 ist sie täglich noch nicht mehr als zwei Stunden.

Haneens Familie kommt aus der in Ost-Syrien gelegenen Großstadt Deir ez-Zour. Sie hat Zerstörung miterlebt, Menschen sterben sehen, sie kennt die Hoffnungslosigkeit und die Hoffnung, die mit der Flucht verbunden ist. Ihre beste Freundin sei noch dort, erzählt sie. Die Bedrohung sei allgegenwärtig. Die Angst der Menschen gelte neben den Soldaten Assads und den Horden des „IS“ auch den Flugzeugen der Russen und der US-Amerikaner, denn bei Bomben-Abwürfen würden immer auch Zivilisten getroffen.

Haneens Vater ist Journalist, ihre Mutter Dolmetscherin, das Ehepaar hat vier Kinder. Wenn die 17-Jährige vom "IS" spricht oder von den Truppen Assads, spürt man die innere Bewegtheit besonders. Eine Odyssee liegt hinter der Familie. Auf Nachfrage sagt Haneen: "Die Bilder stehen immer wieder vor dir." Sie erzählt von der Zerstörung der Stadt, von der Flucht, vom Kentern eines voll beladenen Bootes. In Bückeburg sei man nun seit sieben Monaten, der Aufenthalt sei (zunächst) auf drei Jahre begrenzt. Man hat etwas Ruhe gefunden und viel Unterstützung.

Haneen fühlt sich angenommen am Adolfinum. In der Sprachlernklasse sind Iraker, Syrer und Afghanen. Um voranzukommen, wird auch unter den "Willkommensschülern" möglichst viel Deutsch gesprochen. Wie in jener Deutschstunde geht es nicht nur um Informationsvermittlung. Das Erzählen erleichtert. Haneens kleine Schwester geht in den Kindergarten. Mit drei Jahren öffnen sich andere Türen als im Jugendalter, das weiß die Ältere. Sie lacht, als sie sagt: "Die Kleine spricht Deutsch schon besser als ich." So schnell und zielstrebig, wie Haneen lernt, muss das mit dem verworfenen Berufsziel Pharmazeutin sicher noch nicht das letzte Wort sein.

Volkmar Heuer-Strathmann