Als das Lesen der Romantiker noch geholfen hat - Teil 3 (Schluss)

Diente der legendäre Leihschein etwa als Spickzettel?

Leihscheine haben den Charme aller Karteikarten: Die Angaben beschränken sich auf das Wesentliche, alles streng sachlich und in der Regel sicher auch korrekt. Das wollen wir auch von dem Leihschein aus dem Jahre 1921 annehmen, der den Kreis der Bibliophilen am Adolfinum seit ein paar Wochen kaum ruhen lässt. Wie eine Eintrittskarte in die höheren Stuben der Gelehrsamkeit wirkt das Altpapier.  

Nun ist ein furchtbarer Verdacht aufgekommen: Diente der Leihschein in Wahrheit nur als Spickzettel? Ging es womöglich gar nicht um die ausgeliehenen Werke, sondern allein um den Anschein von Belesenheit? Wer käme auch darauf, auf der RÜCKSEITE eines auf dem Schülertisch liegenden Leihscheins zwei Texte zu vermuten, die womöglich noch gebraucht werden würden für höhere Weihen? Über deren Klausurrelevanz können wir heute wenig sagen, zumal wir des Griechischen nicht mächtig sind und noch keine Suchmaschine mit den edlen Buchstaben des Geistes füttern konnten. Anders im zweiten Fall, da ist es Platon, von dem - so Google - das Loblied stammt: "Hört aber einer dich selbst oder von einem andern deine Reden vorgetragen, (...) sind wir alle wie außer uns und ganz davon hingerissen."

Ganz ähnlich liest sich die Handschrift aus unserem Hause. Nicht nur Christine Busch, die Leiterin unserer Bibliothek, hat sich die Mühe gemacht. Man liest sich ein, man kennt Schlimmeres, es entstehen Satzteile und Versatzstücke: Hier und da etwas holprig, aber so sauber notiert, dass die hohen Worte sicher recht gut abzukupfern waren  seinerzeit. Was zunächst mit Marsyas anhebt und in den höchsten Tönen von der Kunst des Flötenspiels schwärmt, wird zum Rednerlob. Das Attribut "göttlich" zu unterstreichen, dürfte damals auf einem Mogelzettel noch als besonders frevelhaft angesehen worden sein – Hohn und Spott, in schrecklichem Kontrast zu den Idealen der Redlichkeit, der Authentizität und der Wahrhaftigkeit, um nur einige Elemente humanistischer Bildung zu nennen.

Sollten unsere weiteren Forschungen der These Nahrung geben, es sei um 1921 das Papier am Adolfinum besonders knapp gewesen, würde alles Rückseitige sofort in ein ganz anderes Licht gerückt. Dann wäre von löblicher Sparsamkeit statt von sträflicher Unredlichkeit zu reden. Der Volksmund weiß es ja schon lange: "Jedes Blatt hat zwei Seiten." Auch ein nüchterner Leihschein - man muss ihn nur zu lesen wissen...

Und der Text, um den es geht, der liest sich so: [215ξ] ὁ μέν γε δι᾽ ὀργάνων ἐκήλει τοὺς ἀνθρώπους τῇ ἀπὸ τοῦ στόματος δυνάμει, καὶ ἔτι νυνὶ ὃς ἂν τὰ ἐκείνου αὐλῇ—ἃ γὰρ Ὄλυμπος ηὔλει, Μαρσύου λέγω, τούτου διδάξαντος—τὰ οὖν ἐκείνου ἐάντε ἀγαθὸς αὐλητὴς αὐλῇ ἐάντε φαύλη αὐλητρίς, μόνα κατέχεσθαι ποιεῖ καὶ δηλοῖ τοὺς τῶν θεῶν τε καὶ τελετῶν δεομένους διὰ τὸ θεῖα εἶναι. σὺ δ᾽ ἐκείνου τοσοῦτον μόνον διαφέρεις, ὅτι ἄνευ ὀργάνων ψιλοῖς λόγοις ταὐτὸν

[215δ] τοῦτο ποιεῖς. ἡμεῖς γοῦν ὅταν μέν του ἄλλου ἀκούωμεν λέγοντος καὶ πάνυ ἀγαθοῦ ῥήτορος ἄλλους λόγους, οὐδὲν μέλει ὡς ἔπος εἰπεῖν οὐδενί: ἐπειδὰν δὲ σοῦ τις ἀκούῃ ἢ τῶν σῶν λόγων ἄλλου λέγοντος, κἂν πάνυ φαῦλος ᾖ ὁ λέγων, ἐάντε γυνὴ ἀκούῃ ἐάντε ἀνὴρ ἐάντε μειράκιον, ἐκπεπληγμένοι ἐσμὲν καὶ κατεχόμεθα. ἐγὼ γοῦν, ὦ ἄνδρες, εἰ μὴ ἔμελλον κομιδῇ δόξειν μεθύειν, εἶπον ὀμόσας ἂν ὑμῖν οἷα δὴ πέπονθα αὐτὸς ὑπὸ τῶν τούτου λόγων καὶ πάσχω ἔτι καὶ

[215ε] νυνί. ὅταν γὰρ ἀκούω, πολύ μοι μᾶλλον ἢ τῶν κορυβαντιώντων ἥ τε καρδία πηδᾷ καὶ δάκρυα ἐκχεῖται ὑπὸ τῶν λόγων τῶν τούτου, ὁρῶ δὲ καὶ ἄλλους παμπόλλους τὰ αὐτὰ πάσχοντας.

 

Volkmar Heuer-Strathmann