Ina Seidl erzählt als Zeitzeugin vom Aufwachsen in der DDR

"Zu Hause dieses, aber draußen das - irgendwie schizophren!"

Zuerst Georg Büchners Drama "Dantons Tod", nun Uwe Johnsons Roman "Ingrid Babendererde" -  die  Deutschkurse in Niedersachsen werden wahrlich nicht geschont auf dem Weg zur Reifeprüfung 2017.  Über beiden Werken könnte der legendäre Satz aus den Jahren nach 1789 stehen: "Die Revolution frisst ihre Kinder!"

Da Schüler einer Oberschule in der ehemaligen DDR im Mittelpunkt der Handlung stehen, nutzte man in der Fachschaft Deutsch am Adolfinum die Möglichkeit, eine Zeitzeugin zu Wort kommen zu lassen. Ina Seidl, Jahrgang 1972, hat ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht und kann ein Lied davon singen, was es heißt, mit der SED und ihrer Jugendorganisation FDJ in Konflikt zu geraten. Dabei sagt die heutige Mathematiklehrerin von sich: "Ich war eigentlich recht angepasst." Die Eltern, beide als Lehrkräfte tätig, hatten eine gewisse Balance gefunden, wie der eigene katholische Glaube gelebt werden konnte, ohne besondere Sanktionen zu erleiden. Seidl selbst wurde christlich erzogen und war doch Mitglied in der FDJ: "Ich sollte unbedingt das Abitur machen und ich wollte das auch." Besondere Leistungen in Mathematik und auf dem Felde der Musik verminderten die Angriffsfläche ganz erheblich, fast wie bei Spitzensportlern.

Über achtzig Schüler des 12. Jahrgangs lauschten den Schilderungen besonders aufmerksam, als es um das strenge Reglement ging, um die einheitliche Kluft, die politischen Parolen, den subtilen Druck, die begehrten Auszeichnungen und um die Kampagnen, etwa in der "materiellen Produktion" oder aus "internationaler Solidarität". Man spürte durchaus noch etwas von der seelischen Last, als die Frage nach offenen und ehrlichen Gesprächen in den Jahren deutlich vor 1989 beantwortet wurde: "Zu Hause dieses sagen, aber draußen und insbesondere in der Schule das - irgendwie schizophren!"

Mit dem Pass der "Jungen Pioniere", echten FDJ-Sitzungsprotokollen, alten Fotos und ein paar Aufgaben einer sich sozialistisch dünkenden Mathematik belegte die Referentin die Dominanz der Ideologie der SED. Man konnte sich fast in dem Roman von Johnson wähnen, geht es da im Jahre 1953 unmittelbar vor dem Abitur doch auch um schmerzhafte Repressalien und unbändige Freiheitsansprüche von Jugendlichen, die die Diskrepanz erkennen zwischen der Verfassung der DDR und dem Gebaren einer Schulleitung mit SED-Parteibuch, die nicht pädagogisch legitimiert ist, sondern allein politisch. Mit Blick auf die Referentin, die ihr Leben nicht in den Farben der Vereinfacher auf beiden Seiten der deutschen Schicksalsgrenze sieht und zur eigenen Geschichte steht, bemerkte ein Zuhörer am Rande der Veranstaltung: "Erstaunlich, dass die DDR am Ende auch solche Menschen hervorgebracht hat." Beim Nachdenken über diesen Satz fallen sicherlich nicht nur dem Verfasser noch mehr Beispiele ein - auch aus dem Adolfinu...

Volkmar Heuer-Strathmann